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#WM2010: “Geil, aber.”

June 11, 2010 · Posted in think-strange.de, welt-sicht.de by aSak  

Wie drücke ich es am besten aus. “Woohoo, es ist WM!” — ich bin tief gesunken. Und doch macht’s mir Spaß: Die letzte WM -wir erinnern uns- wurde mehrheitlich sehr begeistert aufgenommen. Public Viewing, das ganze Land ist in guter Stimmung, jeder mag jeden. Ein interkultureller Höhepunkt in der jüngsten deutschen Geschichte, insgesamt betrachtet, ist vielleicht nicht übertrieben. So etwas steckt sogar mich an.

2010 hat Südafrika die Ehre, die Weltmeisterschaft auszutragen, was in großen Teilen des Landes, ähnlich wie in Deutschland 2006, begrüßt wird. Soeben lief das erste Spiel, Südafrika “gewann” gegen Mexiko 1:1: Jeder Sieg ist ihnen zu gönnen. Denn das Turnier weckt Hoffnungen, für Afrika, den Kontinent und seine Menschen. Selbst die semi-offiziellen Lieder sind fein, ob nun Shakira oder K’naan. Kurz: Die WM 2010 scheint, wiedereinmal, ein großartiger Erfolg zu werden.

Eigentliche mache ich alle vier Jahre nur eine Ausnahme, denn Fußball finde ich in höchstem Maße uninteressant. Ich verstehe den Fan-Kult um die Mannschaften nicht, ich verstehe die hohen Gehälter nicht, ich verstehe nicht, welcher Pokal aus welchem Grund erhaltenswert ist. Und so viel Spaß mir die WM auch dieses Jahr wieder macht, so muss ich, wie üblich, Kritik üben. Weniger am Event an sich, als um einige Dinge, die in seinem Namen geschehen.

“Und was, bitte?” – “Kapitalismus.” – “Och neeeee.” – “Oh wohl!”

Deutschland und seine Fahne

Beginnen wir im eigenen Land: Überall werden zur WM unsere Nationalflaggen wehen, zumindest bis Deutschland ausgeschieden ist. Das gibt mitunter hübsche Bilder. In Twitter werden passende “Twibbons” angeboten; so mancher droht mit dem Entfolgen, will seine Timeline flaggenfrei halten. Wir sind wieder stolz auf Deutschland. Sind wir doch, oder?

Es gibt verschiedene Gründe, das zumindest kritisch zu betrachten. Als Erstes wäre zu nennen, dass diese Sache mit den Fahnen und dem Nationalstolz irgendwie… merkwürdig ist. Ja, ich weiß, eigentlich ist’s Unsinn und lange her. Trotzdem, nicht nur ich empfinde das wohl so. Wenn wir dieses “Argument” einfach übergehen, landen wir bei einer anderen Frage: “Welchen Grund habe ich, auf Deutschland stolz zu sein?” – eine schwere Frage. Die aktuelle deutsche Politik ist’s nicht, auf die ich stolz bin und die Geschichte hat sich zumindest anteilig ebenso nicht bewährt. Unsere Fußball-Nationalmannschaft? Nicht sicher. Es gibt natürlich Dinge, auf die man stolz sein kann und darf: Literatur, Kultur, so manche deutsche Tugend. Im Großen und Ganzen fällt die Bilanz doch eher schlecht aus. Nehmen wir aber einfach an, wir seien alle stolz auf Deutschland.

Sei die Frage: Ist dieser Stolz berechtigt? Um es linker zu formulieren: Es ist nur Zufall, dass ich, du, ein jeder dort geboren ist, wo er nun einmal geboren ist. Auf der Stufe der Evolution stehen wir alle gleich. Die Idee von Grenzen halte ich, ganz persönlich, ohnehin für veraltet, auch wenn es noch viele Jahre dauern wird, bis mir dabei eine Mehrheit zustimmt. Man kann die deutsche Literatur, als Beispiel, großartig finden, man kann sich über die Fußballgeschichte freuen – doch über Deutschland? Als heutige Nation? Ich bin mir nicht sicher.

Brot und Spiele

“Moment! Du hast doch selbst so ein Twibbondings!”, mag man einwerfen. Ja, das stimmt, ich bezeichnete es als “sinnlosen Lokalpatriotismus”. Jeder im Saarland Geborene wird mit mir zumindest in Grundzügen zustimmen, dass “der Saarländer” diesen in die Wiege gelegt bekommt. Und er ist weitestgehend sinnlos, das sollte man betonen. Ich selbst denke auch, dass dieser erste Punkt, die Sache mit Deutschland, eine untergeordnete Rolle spielt: Die Schwarz-Rot-Goldene Fahne wird viel mehr als ein sehr positives Symbol gehandhabt: “Seht her, wir sind trotz unterschiedlicher Nationalitäten, alle Freunde.” Vielleicht übertrieben, vielleicht nicht, das wird die Zukunft eines Tages zeigen. Eine neue, friedliche, freundliche Art des Nationalstolzes wäre nicht unbedingt wünschenswert, aber doch zumindest “halb so schlimm”.

Ich erwähnte sie schon, die deutsche Politik. Die WM ist nicht nur eine Zeit der Freude, sondern auch ein idealer Zeitpunkt, unpopuläre Gesetze im Bundestag einzubringen. Zum Beispiel diesen hervorragenden Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, in Jura “JMStV“. Dieser Punkt ist nicht meine Erfindung, auch andere bemerken das, nur die breite Masse eben nicht.

Überhaupt sollte man auch – oder gerade – bei solch phänomenalen Großveranstaltungen die Politik im eigenen Land besonders beobachten. Was rede ich: Man sollte dies immer tun. Sonst geht’s uns wie dem Frosch im Wasser.

“Wenn man das in Südafrika wüsste…”

Der dritte Punkt, den ich als Köder verwendete: der Kapitalismus. Ich weiß nicht, wie viel Geld durch diese Weltmeisterschaft zusätzlich erwirtschaftet wird. Wenn ich aber lese, dass der Preis für eine Vuvuzela “in Südafrika bis vor kurzem etwa 30 Rand (rund 3,00 Euro)” betrug, “jedoch durch die nahende Fußball-Weltmeisterschaft in den Touristenregionen auf 100-200 Rand (etwa 10-20 Euro) gestiegen” ist, dann wird mir wieder ganz blümerant. Werfen wir einen Blick auf die Sponsoren der WM:

adidas, Coca-Cola, Emirates Airlines, Hyundai Kia Automotive Group, Sony, VISA. Budweiser (Anheuser-Busch), Castrol, Continental, McDonald’s, BP. Um nur die bekanntesten zu nennen. Quizfrage: “Wie viele dieser Firmen waren oder sind in ihrer kapitalistischen Funktion an der Ausbeutung von Menschen und/oder Umwelt beteiligt?”

Eine? Zwei? Vielleicht sogar… es sind mindestens fünf, nach etwa ebensolanger Recherche in Minuten. adidas, The Coca Cola Company, Continental und Castrol, zur BP Group gehörig. Zur Zeit kann man sehr “schön” sehen, wie weit die Gewinnmaximierung von British Petroleum geht. Wer braucht schon Umwelt.

Will nicht heißen, dass andere Sponsoren nicht auch so manch krude Machenschaft verborgen halten, es geht hier nur um’s Offensichtliche. Und ich möchte nichts unterstellen, ist ja eher ein generelles Problem. Manchmal denke ich sogar, ich sollte mich mit dem Kapitalismus einfach abfinden, eine moralisch in keinster Weise zu vertretende Entscheidung. Weshalb ich’s dann doch nicht tu. Erwähnt werden sollte auch, dass Afrika sich nicht zuletzt wegen des ungezügelten westlichen Kapitalismus heute in seiner unvorstellbar schlechten Lage befindet. Womit wir beim letzten Punkt wären.

Afrika bleibt Afrika

Südafrika, besser: der ganze afrikanische Kontinent hat hohe Erwartungen an und Hoffnungen in den Weltcup. In den Medien tönt man zuweilen gar, Nelson Mandelas Traum habe sich erfüllt. Ich sehe das alles, leider, nüchterner. Ja, ganz Afrika fiebert mit und für einen ganzen Sommer liegen die Augen der Welt auf das Land am südlichen Ende des Kontinents. Einen Sommer lang – und dann nicht mehr. Alle Probleme und Sorgen, die afrikanische Länder durchaus verbinden und zur Zeit zumindest in Teilen medial präsent sind, werden in einem halben Jahr vergessen sein. Nicht von den Betroffenen, sicher nicht, aber von Europa und der restlichen Welt.

Es ist in Ordnung, mit dem Ereignis Hoffnungen zu verbinden, doch ich bedaure es zutiefst, dass diese nicht erfüllt werden werden. Werden sie nicht. Ich weiß das, weil auch die olympischen Spiele in China keine Veränderungen hervorbrachten. Die Gewissheit ist, mir fehlen dramatischere Begriffe, einfach nur traurig. Wir produzieren täglich genügend Nahrung, um 12 Milliarden Menschen zu ernähren. Dennoch leiden fast eine Milliarde Menschen Hunger. Das ist die Schande unseres Jahrhundert, die uns eines Tages sehr klar erscheinen wird. Wie kann ich mich also für (Süd-)Afrika freuen, wenn ich doch weiß, dass die WM nichts verändern wird?

Ich kann es eben kaum, so sehr mich die WM auch mitreißt. Sie macht Spaß, aber man darf darüber nicht die leider finstre Realität vergessen. Es ist zu wünschen, dass die Wünsche und Hoffnungen des gesamten afrikanischen Kontinents nicht meiner Vorhersage erliegen, wenn ich eines besseren belehrt würde. Ja, das freute mich.

Fazit: So lange man sich diese sehr verschiedenen Sachverhalte bewusst macht, so denke ich, darf man auch alle Jahre ungezwungen seinen Avatar verzieren und…


…SCHLAAAAAND!


Comments

6 Responses to “#WM2010: “Geil, aber.””

  1. aSak on June 11th, 2010 19:45

    Ich hoffe, meine Intention wurde klar. Kommentare und Meinungen, bitte.

  2. micha on June 12th, 2010 09:57

    Kommentare und Meinungen bitte, oke :)
    Die Erfahrung zeigte, dass du dem Ein oder Anderen Trugschluß aufgesessen bist: Die Vermutung, dass während der WM Jeder Jeden mag, halte ich für vermessen.Im Gegenteil, hab hier in der großen Stadt während der letzten [WM oder EM?] die massivsten rassistisch motivierten Ausraster meines bisherigen Lebens erfahren. Ausgelöst durch ein verdammtes Fußballspiel. Und nein, nicht ausgehend von stadtbekannten Faschobratzen, sondern ganz normale, leicht alkoholisierte Deutsche.
    Womit wir beim Nationalgefühl sind. Dieses ist nicht nur bei Deutschen zu kritisieren, wenn auch imho bei Jenen besonders, einfach weil wir halt hier leben und damit nen Hebel haben, Nationalismus, egal in welcher Form und sei er noch so moderat, ist Abwertung des Andersartigen, es gibt keinen positiven, weil fröhlichen Nationalismus, auch nicht im Fußball. Davon abgesehen, ist die Fahnenschwingerei zu sportlichen Großereignissen auch noch stramm geheuchelter Nationalismus. Simma wieder wer? Simma nich…und das macht mich dann wieder froh :)

    Insgesamt ist dein Text ja fein, aber auch darin finde ich keine wirkliche Begründung für diese ganze schwarzrotgeil-Sache, aSak, erkläre es mir, wenn du schon involviert bist!

  3. aSak on June 12th, 2010 10:05

    Die Erfahrung zeigte, dass du dem Ein oder Anderen Trugschluß aufgesessen bist: Die Vermutung, dass während der WM Jeder Jeden mag, halte ich für vermessen.Im Gegenteil, hab hier in der großen Stadt während der letzten [WM oder EM?] die massivsten rassistisch motivierten Ausraster meines bisherigen Lebens erfahren. Ausgelöst durch ein verdammtes Fußballspiel. Und nein, nicht ausgehend von stadtbekannten Faschobratzen, sondern ganz normale, leicht alkoholisierte Deutsche.

    In der Tat sehr schlecht, wobei ich aber bemerken muss, dass selbst im zu oft völkischen Saarland diese “Ausraster” doch die Ausnahme waren. Natürlich las man davon, doch (ich spreche für mich) gesehen hat man davon nicht sehr viel. Es ist leider wahr, dass es in Deutschland sehr viele latente Rassisten gibt. Vielleicht ist es aber dienlich, wenn man diesen Menschen einfach den Nährboden entzieht: Wenn jeder mit jedem freundschaftlich feiert, dann gibt’s wenig zum Ausrasten. Ist allerdings eine naive Weltsicht, das muss ich so sagen. Ich würde es mir eben sehr wünschen. Zumindest in Teilen hat’s 2006 durchaus funktioniert.

    Womit wir beim Nationalgefühl sind. Dieses ist nicht nur bei Deutschen zu kritisieren, wenn auch imho bei Jenen besonders, einfach weil wir halt hier leben und damit nen Hebel haben, Nationalismus, egal in welcher Form und sei er noch so moderat, ist Abwertung des Andersartigen, es gibt keinen positiven, weil fröhlichen Nationalismus, auch nicht im Fußball.

    Das sehe ich anders: Nationalismus muss keine Abwertungen anderer Nationen beinhalten. Weil ich Schokoladeneis mag, muss ich Vanille nicht hassen; es ist insofern eher eine Präferenzangabe. Jener Wunsch, Deutschland “vorzuziehen”, muss ebenso nicht negativ sein. Recht hast du insofern, als dass es leider zu häufig geschieht. Vielleicht wäre die Bezeichnung “Internationalismus” besser geeignet, denn es geht eben nicht um das “Ich bin besser als Du”, sondern um das “Wir sind alle toll, aber ich mag Schokolade am meisten” – wenn du verstehst.
    Ob dieses theoretische Konstrukt in der Praxis ermöglicht werden kann, ist mir nicht klar. Als Vision ist’s aber nicht zwingend schlecht, wenn man die Grenzen schon nicht einfach abschaffen kann.

    Davon abgesehen, ist die Fahnenschwingerei zu sportlichen Großereignissen auch noch stramm geheuchelter Nationalismus. Simma wieder wer? Simma nich…und das macht mich dann wieder froh :)

    Ne, wahr, wir sind in der Hinsicht nicht viel, weder im Sport, noch in der Politik. Ich vermute allerdings, dass die Fahne eben nicht die Nation symbolisiert, sondern “das Gefühl, das man als Deutscher hat, wenn mal wieder WM ist”. In dieser Betrachtungsweise ist die Flagge ein politisches Symbol, welches aber gänzlich unpolitisch umgedeutet wird. Weil, wie du’s sagst, sonst wär’s nur Heuchelei.

    Insgesamt ist dein Text ja fein, aber auch darin finde ich keine wirkliche Begründung für diese ganze schwarzrotgeil-Sache, aSak, erkläre es mir, wenn du schon involviert bist!

    Ja, Begründung. Erstmal vielleicht: Keine BILD-Rhetorik, davon halte ich auch sehr wenig. Ich selbst bin involviert, schwimme auf der Welle, weil es tatsächlich Spaß bereitet. Und nur deswegen. Nicht, weil unser Land so grandios oder unsere Mannschaft unschlagbar wäre – beides ist nicht der Fall. Viel mehr sehe ich z.B. die massive Nutzung unserer Nationalfarben eben als “unpolitisch” an. Es mag, in gewisser Weise, ein Nationalstolz mitschwingen, aber das ist keineswegs die Hauptintention. Sonst müssten (oder: könnten, sollten) die Fahnen auch zwischen den WM wieder vertreten sein – was sie aber nicht sind. Zum Glück.

    Wunderbarer Beginn, weiter im Text, während Südkorea 2:0 gegen Griechenland gewann.

  4. Virgen48 on June 13th, 2010 08:20

    “Ich vermute allerdings, dass die Fahne eben nicht die Nation symbolisiert, sondern “das Gefühl, das man als Deutscher hat, wenn mal wieder WM ist”. In dieser Betrachtungsweise ist die Flagge ein politisches Symbol, welches aber gänzlich unpolitisch umgedeutet wird.”
    Genau so ist das. Und deshalb sind auch, wie in deiner Begründung ausgeführt, nach der WM sämtliche Fahnen von Autos und Häusern wieder verschwunden.
    Ausser meiner – aber auch nur deshalb, weil ich dann mein Auto auf dem Supermarktparkplatz besser wieder finde. ;-)

  5. Micha on June 15th, 2010 13:01

    Na dann erstmal danke für deine erhellenden Aussagen. Ich blick es aber immernoch nicht ;)

    Allerdings hätte ich da die nächste Frage an den periodischen 4-Jahres-Fußballfan: Wo liegt die verbindende Komponente zwischen Autofahren und Fußball? Das war ja nicht mehr feierlich, was die sich hier in Saarbrücken am Sonntag abgehalten haben ;)

  6. aSak on June 15th, 2010 15:10

    Das Feeling ist doch nicht so einfach zu beschreiben, wie ich merke. ;-)

    Und ehm, ja, das mit den Korsos verstehe ich auch nicht. Sind, soweit ich weiß, auch verboten oder benötigen zumindest eine Sondergenehmigung, die nicht vorhanden ist. Was man so las, drückt die Polizei beide Augen feste zu. Ich befürworte das, nicht zuletzt aus Umweltgründen, nicht.

    Bei SLS hielt es sich, zu meiner Erleichterung, in Grenzen.

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