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“Nostalgisch und Linksextrem” von Report Mainz — ein Kommentar.

May 12, 2010 · Posted in think-strange.de, welt-sicht.de by aSak  

Trolle solle man nicht füttern, so heißt es — doch von Zeit zu Zeit muss man sich mit ihnen auseinandersetzen. Vor wenigen Tagen lief in der ARD bei Report Mainz ein Bericht zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen mit dem ganz und gar unpopulistischen Titel “Nostalgisch und Linksextrem“; Inhalt: eine Auseinandersetzung mit den Kandidaten der Linken zur Wahl. Zuletzt (aber nicht ausschließlich) darauf hingewiesen wurde ich von einem meiner Lieblingsleser. Weil ich nun also wissen möchte, wie berechenbar ich wirklich bin, gibt’s jetzt meine persönliche Einschätzung des Berichtes hier, von Anfang bis Ende. Zunächst daher der Bericht:

Beginnend mit dem Vorwort muss man schon anmerken: Ist so nicht ganz richtig; zum Zeitpunkt der Produktion waren große Koalition und Rot-Rot-Grün die einzigen Optionen, mittlerweile hat es die “Ampel” zumindest als theoretisches Konstrukt in die Debatten geschafft. Die Rhetorik und Methodik von Herrn Pinkwart soll aber nicht Thema dieses Artikels sein, weshalb wir besser mit dem Inhalt fortfahren:

“Freiheit muss nicht sein”: die Rote Hilfe.

“[...] Die Linken gelten nicht nur als chaotisch und zerstritten, sie haben auch sehr fragwürdige Ansichten, z.B. zur DDR.” -- erklärt uns die Moderatorin. Es folgt ein Clip, möglicherweise “Archivmaterial” (siehe Kommentare!), in dem ein offenbar geistig verwirrter Mann das Lied der Partei intoniert. Nun ist es so, dass seit 20 Jahren weder die DDR noch das Parteilied in der Öffentlichkeit präsent sind, der Vers es aber schafft, schon in den ersten Sekunden ein beklemmendes Gefühl hervorzurufen: Die DDR ist zurück, ein Schrecken für jeden Demokraten! Mit dieser Einstimmung kann das Thema dann endlich beginnen, die Frage, wer eigentlich nun in den Landtag einzieht.

Selten ließ sich ein TV-Bericht in allen Bereichen so leicht demontieren. Liebe ARD-Mitarbeiter, liebe Leser -- tendenziöser Journalismus vom Feinsten. So viel, dass er fünf DIN-A4-Seiten füllt!

Wörtlich gemeint. Wer nur die Ultrakurzfassung des Beitrages lesen möchte, was ich nicht empfehle, der klicke hier.

Zunächst tritt Frau Anna Conrads ins Bild, welche als Mitglied der Roten Hilfe vorgestellt wird. Für jene, denen das nichts sagt, wird auch die Rote Hilfe gleich charakterisiert: Sie wird von der Bundesregierung als “linksextremistisch und verfassungsfeindlich” bezeichnet, sie “solidarisiere sich mit Terroristen”, “relativiere deren Gewalttaten” und “halte unser Rechtssystem für ein Instrument der politischen Unterdrückung”. Starke Worte, gefolgt von der Einschätzung Konrads, die ihre Mitgliedschaft mit ihrem Demokratieverständnis “sehr gut vereinbaren” kann. Der Reporter hakt nach: “Solidarität mit Terroristen ist ok, is’ normal?” -- und ich frage mich, ob seriöse Berichterstattung wirklich so aussieht. Schnitt.

Beginnen wir vorne: Das Dokument, auf das sich der Bericht hier stützt, ist die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage (gestellt u.a. durch die Linke) zu einer Einschätzung des genannten Vereins. Genauer: Drucksache 17/1327 vom 06.04.2010, online als .pdf einsehbar. Die dortige Selbstdarstellung wirkt auf mich eigentlich unterstützenswert; dazu scheint der Verein durchaus kritisch auch mit seiner Selbst umzugehen, was man mit den gestellten Fragen sicherlich unterstellen darf. Wie also antwortete die Bundesregierung darauf?

Drucksache 17/1484: Hier hat der Autor des TV-Beitrages also die Zeile “das deutsche Rechtssystem [...] als Instrument der „politischen Unterdrückung“ [...]” her. Was danach folgt ist in der Tat doch eher dünn. Nicht nur werden die meisten Fragen des Textes “sinngemäß” zusammengefasst, neben viel anti-linkem Standard-Blafasel steckt erstaunlich wenig Substanz in dem Dokument. Zudem gibt es keinerlei Begründungen für die genannten Einschätzungen. Eine Antwort lautet indes: “Pauschale Aussagen zur Vereinbarkeit einer Mitgliedschaft in der RH und einer Tätigkeit im öffentlichen Dienst lassen sich insofern nicht treffen.” Sagt die Bundesregierung. Was also soll ich nun glauben? Ich gehe wohl einfach davon aus, dass die Selbstdarstellung der Roten Hilfe zutreffend ist.

Die Rote Hilfe ist eine Solidaritätsorganisation, die politisch Verfolgte aus dem linken Spektrum unterstützt. Sie konzentriert sich auf politisch Verfolgte aus der BRD, bezieht aber auch nach Kräften Verfolgte aus anderen Ländern ein. Unsere Unterstützung gilt allen, die als Linke wegen ihres politischen Handelns, z.B. wegen presserechtlicher Verantwortlichkeit für staatsverunglimpfende Schriften, wegen Teilnahme an spontanen Streiks, wegen Widerstand gegen polizeiliche Übergriffe oder wegen Unterstützung der Zusammenlegungsforderung für politische Gefangene ihren Arbeitsplatz verlieren, vor Gericht gestellt, verurteilt werden. Ebenso denen, die in einem anderen Staat verfolgt werden und denen hier politisches Asyl verweigert wird.

“Halt!”, mag man schreien, “die unterstützen doch die RAF! Sagt die Wikipedia!” -- stimmt. Es mag befremdlich wirken, aber einem jeden Rechtsbeistand zu gewährleisten ist eines der fundamentalen Rechte unseres Landes. Ob das einem nun gefällt oder nicht und auch wenn die BILD von Zeit zu Zeit andere Signale setzt. Ich stelle also fest: Die Darstellung zur Roten Hilfe ist im Bericht unvollständig und verzerrt, das genannte Dokument selbst ist mitunter sehr weich formuliert und erstaunlich unsachlich.

Von der DDR,…

Zur nächsten Szene: Der Reporter erzählt zur Einleitung, dass “manche Linke ein sehr spezielles Verhältnis zur DDR haben” -- dazu gibt’s Archivmaterial einer DDR-Fahne und einen Schnitt auf einen Stand der die Linke im Wahlkampf. Gibt es eine direkte Verbindung zwischen “Symbolbild” und “Bericht”? Nicht so echt, aber Ängste schüren sich nicht von alleine. Auch: immer diese Frage nach der DDR. Vor 20 Jahren war die Welt eine andere als heute, genau wie vor 60 und 100 Jahren. Manche Linke sind “vorbelastet”, das wissen wir, doch geht es nicht um aktuelle Politik? Und was ist mit Meinungsfreiheit? Wie auch immer.

Es wird die “Gymnasiallehrerin Gunhild Böth, langjähriges DKP-Mitglied” angeführt. Jene verneint, dass die DDR ein Unrechtsstaat war und relativiert ihre Aussage mit der Geschichte der DDR. Mein Eindruck: Die Frau spricht von der Gründung der DDR, der Reporter vom “Endstadium”, der “Diktatur der SED”. Achtung: Buzzword. Man könnte diese Art der Berichterstattung “undifferenziert” nennen, fasst sie doch 41 Jahre Geschichte in quasi einen Satz. Über die Person, ihre politischen Ziele oder ihre Arbeit in der Bildungspolitik erfährt man nichts.

Dass die DDR kein Rechtsstaat war im heutigen Sinne war, das steht eigentlich außer Frage. Mir stellt sich jedoch immer die Frage, wie man “Unrechtsstaat” definiert. Es ist unstrittig, dass von der SED damals die falschest möglichen Entscheidungen getroffen wurden, doch auf der Ebene der reinen Begrifflichkeit habe ich ein Problem. Ist denn Russland ein Unrechtsstaat? Russland ist zumindest kein Rechtsstaat, da sind wir uns einig. Ist China ein Unrechtsstaat? Ist England ein Rechtsstaat? Warum unterhalten wir diplomatische Beziehungen zu allen drei Staaten, sollte man diese dann nicht ächten? Und davon ganz abgesehen: Wieso scheint man immer davon auszugehen, dass man als linker aus der Geschichte nichts lernen könne? Wie auch immer: Ob Frau Böth sich im Interview nur fragwürdig ausgedrückt hat oder ob sie in der Tat solche Ansichten hegt, vermag ich nicht zu beurteilen. So wie sie’s gesagt hat, muss ich ihr widersprechen und zumindest hoffen, dass diese persönliche Einschätzung nichts mit Frau Böths Politik zu tun hat.

Der Moderator fährt fort mit weiteren Buzzwords: “Stasi”, Repressionsapparat” und: “die DDR, das war Mauer mit Selbstschussanlagen und über 100 Toten.” -- dazu dramatische Geigen. Nochmal: Die DDR war klar kein Rechtsstaat und die Stasi war ein Mittel, welches “gar nicht geht”, unhaltbar, unvertretbar, damals und heute. Ich frage mich, welche Antwort der Moderator auf die Stasi-Frage erwartet. Empörung? Eine sachliche Darstellung in 12 Sekunden? Ist er wirklich der Meinung, dass “die Linken” eine zweite Stasi einführen wollen? Oder ist die Frage rein provokativ gestellt um ein paar nette Bilder für’s TV zu bekommen? Warum schaue ich den Unsinn überhaupt? So unglaublich viele Fragen schießen mir bei dem Bericht durch den Kopf, doch sei’s drum, ich komme später darauf zurück. Weiter.

…der Stasi und der sozialistischen Linken,…

Die nächste vorgeführte Protagonistin ist die “frisch gewählte Abgeordnete” Carolin Butterwegge. Sie ist Mitglied der “sozialistischen Linken, die sich selbst als radikal bezeichnet”. Die Frau mit dem leckeren Namen ist Soziologin, hat sich mit Kinderarmut befasst. Nicht unbedingt etwas, was man angreifen könnte. Wie sieht es es mit ihrer Mitgliedschaft der sozialistischen Linken aus, was ist das eigentlich?

Die Strömung, die sich selbst als realistisch und radikal bezeichnet, wird nicht nur vom Verfassungsschutz als “linksextrem” bezeichnet. Sie hat auch durchaus vertretbare Ziele:

Die gewerkschaftlich orientierte Sozialistische Linke strebt eine moderne sozialistische Partei nach Vorbild der Niederlande oder Italien an. [...] Zu den Reformprojekten der SL zählen ein gesetzlicher Mindestlohn, eine bedarfsorientierte Grundsicherung und die gesellschaftliche Sicherung des Zugangs zu Wohnung, Lebensmittel, Bildung, medizinischen Leistungen und Pflege, Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten, kulturellen Angeboten und Mobilität für Arme. Ebenfalls setzt sie sich für eine „solidarische Bürgerversicherung“ zur Reform des Gesundheitssystems ein.

Ja, das klingt wirklich radikal. Freier Zugang zu Bildung und Medizin, in einer Zeit in der Herr Rösler gerade wieder die Kopfpauschale fordert. Hatten wir schon. Das ist keine Klientelpolitik, nur wer wird’s bezahlen dürfen und können? Wenn es extremistisch ist, sich gegen solche Praktiken zu stellen, dann bin ich gerne Extremist. Hier, liebe Presse, der letzte Satz lässt sich übrigens hervorragend aus dem Kontext reißen. Schabernack! — und honi soit qui mal y pense.

Wie dem auch sei, zurück zum Thema. Frau Butterwegge war an der Bildung anscheinend beteiligt. In dem Gründungsdokument steht der Satz (oder das Fragment): “[...] die DDR war ein legitimer Versuch [...]“. Leider gibt’s online wohl nur mehr eine agitative Kurzfassung des Gründungsaufrufes. Lustig aber: Die Suche nach dem Wort “DDR” liefert genau eine Fundstelle. Sie lautet:

Es ist klar, dass ein erneuter Anlauf einer sozialistischen Umgestaltung sich nicht am gescheiterten Modell der Sowjetunion und der DDR orientieren kann.

Zu sehen: Der Reporter konfrontiert die neue Landtagsabgeordnete mit eben jenem die DDR betreffenden Satzfragment, sie scheint nicht recht zu begreifen, worum es gerade überhaupt geht. Bei der Frage zur Stasi wirkt sie gar ratlos und ich kann nur vermuten, dass auch sie gerade einen Anfall akuter Dummheit erlitt. Stasi -- geht -- nicht, zum Mitschreiben. Insgesamt würde ich aber Frau Butterwegge nicht an dem Ausschnitt messen wollen, unbeholfen wie sie wirkt. Wer weiß, was der Frage vorausging.

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Nachtrag: Mir wurde das Originaldokument mittlerweile zugespielt. Die Passage, aus welcher der Satz entrissen, befindet sich auf Seite 9 und lautet:

Allen ist klar, dass ein erneuter Anlauf einer sozialistischen Umgestaltung sich nicht am gescheiterten Modell der Sowjetunion und der DDR orientieren kann. Die DDR war ein legitimer Versuch, auf deutschem Boden eine Alternative zum Kapitalismus aufzubauen. Sie hat beachtliche Erfolge in der Herstellung sozialer Gerechtigkeit, im Bildungswesen und der Erwerbstätigkeit der Frauen erreicht. Auf der anderen Seite stehen jedoch auch die Unterdrückung von Opposition und der Mangel an Rechtsstaatlichkeit. Gescheitert ist die DDR letztlich an mangelnder Demokratie und ineffizienter Ökonomie.

Diese Passage liefert, wenn man es genau betrachtet, wenig Platz für Angriffe. In der Zeit der Gründung der DDR, der Zeit des kalten Krieges ging man einen Weg -- und scheiterte grandios. Dem Papier ist zu entnehmen, dass dies den Gründern der sozialistischen Linken auch bekannt war. So ist das Zitat wie ich vermutete doch dem Kontext entrissen. Hätte man sich denken können.
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…zur “Spitzenkandidatin” Beuermann und…

Zum “Highlight” der Reportage von Report Mainz: die Spitzenkandidatin Bärbel Beuermann, die glücklich darüber ist, “von neoliberalen Parteien und kapitalorientieren Medien als radikal bezeichnet zu werden”. Ich glaube, da wäre ich auch ein bisschen stolz. Ihre politische Karriere begann in der PDS in Westdeutschland und ihre letzten Presseauftritte umfassten auch die Wikipedia-Relevanzdebatte [citation needed]. Zurück zum Thema. Auch sie äußert sich zur Konfrontation mit der Frage, ob die DDR ein legitimer Versuch gewesen sei, eher bescheiden, jedoch erhärtet ihre Reaktion meinen Verdacht von vorhin:

Das in der Sendung zitierte Satzfragment “Die DDR war ein legitimer Versuch [...]” ist in einen wesentlich anderen Kontext eingebettet, d.h. aus dem Kontext gerissen. Frau Beuermanns erste Antwort beginnt mit den Worten “Also noch einmal…”, was vermuten lässt, dass sie dem Reporter schon mehrfach zu erklären versucht hat, wie der wahre Kontext eigentlich lautet. Verdammt, gebt mir das Dokument, dann gibt’s hier viel mehr! Sie äußert sodann nur noch eine einstudierte generelle Aussage, was wenig professionell wirkt, den Kern der Sache (und der Aussage im Dokument) aber vielleicht ganz gut trifft. Schlagfertiger wird sie bei der nächsten Frage:

Reporter: “War denn die Stasi legitim?”
Beuermann: “Ist der Verfassungsschutz legitim?”

Gute Gegenfrage. Der Verfassungsschutz muss aber bis zum Ende des Beitrags warten. Was nun folgt, könnte man Belästigung nennen: Der Reporter bleibt bei der Frage nach der DDR, ob diese ein Unrechtsstaat war und was Frau Beuermann davon halte. Sie erwidert grammatikalisch korrekt: “Die DDR gibt es nicht.”, wenngleich es sie einmal gab. Sie erzählt dem Reporter (anscheinend zum wiederholten Male), dass die Bürger der DDR in die gesamte Bundesrepublik aufgegangen seien. In diesem Satz zumindest steckt Wahrheit. Bis zur nächsten Frage, vor der Frau Beuermann noch einmal nachdrücklich als “radikal” bezeichnet wird (bei 5:26), entschließt diese sich, nicht mehr mit dem Reporter sprechen — und ich kann sie irgendwie verstehen.

Es folgt, um den kyklischen Charakter des Berichts zu vollenden, noch einmal die Szene, in der ein Bürger das Lied der Partei intoniert. Sodann der thematische Abspann des Beitrages: Sieben der 11 Abgeordneten sind in Organisationen, die der Verfassungsschutz als “extremistisch” einstuft, “weitere 3 in verfassungsfeindlichen Gruppierungen oder ihrem Umfeld aktiv”. Eine gute Formulierung, nach dieser Definition bin ich das mit Sicherheit auch, denn ich habe zumindest vereinzelt Kontakte zur Linken und zu Studenten. Nicht weiter wichtig, denn jetzt komme ich endlich zu dem Thema, auf welches ich seit Stunden schon aufmerksam möchte:

…dem Verfassungsschutz.

Der Verfassungsschutz ist nicht unumstritten und seine Einschätzung gegenüber der Linken in Deutschland ist nicht einheitlich. Charakterisiert wird der VS nach Onlinelexikon mit der Einleitung, er sei “ein deutscher Inlands-Nachrichtendienst”. Er ist einer von dreien, neben dem Bundesnachrichtendienst und dem militärischen Abschirmdienst. Er ist damit zugleich eine Organisation, welche sich außerhalb des gesetzlichen Rahmens bewegen kann. Frau Beuermanns Frage von vorhin ist daher nicht unberechtigt. Zur Unterschiedlichkeit der Bewertungen: Selbst konservative Medien wissen das.

Von den Verfassungsschutzämtern der Bundesländer wird die Linke unterschiedlich bewertet. So wird die Partei in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Schleswig-Holstein nicht beobachtet. Auch das Saarland stellte die Überwachung jüngst ein, nach Ansicht des dortigen Verfassungsschutz-Chefs Helmut Albert gebe es keine Anhaltspunkte für ein verfassungswidriges Wirken mehr. Er hält die Linke für “eine Partei linkssozialdemokratischen Zuschnitts”.

Nun gibt es in den einzelnen Bundesländern sicher Unterschiede. In Nordrhein-Westfalen ist beispielsweise auch Sarah Wagenknecht aktiv, weshalb ich eine gewisse Skepsis der dortigen Rüttgers-Regierung selbstverständlich verstehen konnte. Sollte es nach der jetzigen Wahl zu einer Koalition aus SPD, Grünen und Linken kommen, so sage ich voraus, dass auch hier die Beobachtung durch den Verfassungsschutz eingestellt werden wird. Wieso ist das so? Zwei Möglichkeiten; erstens: die Linke hat die schon bestehenden Regierungen der Länder mit Regierungsbeteiligung undemokratisch umgekrempelt, ohne dass es jemand gemerkt hat. Zweitens: Die bestehenden Regierungen konnten die Partei nicht länger (bewusst!) behindern, denn der Einsatz des Verfassungsschutzes war ohne jede Grundlage. Entscheidet selbst.

Zum Schlusswort der ARD-Reportage. Die ominöse Stimme aus dem Off klärt den Zuschauer auf: “Die linke in NRW gilt selbst in der eigenen Partei politisch als ein Hort des Wahnsinns, das sagen sogar genossen aus der Parteizentrale”. Hort des Wahnsinns, soso, scheint eine bekannte Redewendung zu sein. Wurde von der Süddeutschen Zeitung geprägt mit vermeintlichem Ursprung innerhalb der Partei. Haben sich andere damit beschäftigt. Hauptsache noch den “Hort des Wahnsinns” in den TV-Beitrag gepackt, ist wichtig.

Das Ende des Beitrages ist erreicht, doch kommen wir nicht umhin, auch den Schlussworten der Moderatorin Birgitta Weber zu lauschen: “Die Linke will die Energiekonzerne vergesellschaften, den Verfassungsschutz abschaffen und die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich einführen.” — das ist so nur, wen würde es überraschen, teilweise richtig. Wir wollen nicht nur den Verfassungsschutz abschaffen, sondern stellen auch alle anderen “Geheimdienste” in Deutschland, insbesondere den BND, in Frage. Es ist einfach nicht richtig, dass es in demokratischen Staaten Strukturen gibt, die sich außerhalb jeder Justiz bewegen.

Und nun von vorn’: tl;dr.

Die Moderatorin wünscht, jetzt zum endgültigen Abschluss, der SPD “viel Spaß bei den Gesprächen”, gemeint sind die aktuellen Koalitionsverhandlungen. Puh. Geschafft. Gönnen wir uns eine Pause zum Durchatmen. Luft… und raus. Mit all diesem Wissen schauen wir uns den Beitrag noch einmal an:

Der Bericht fußt auf vermeintlich seriösen (und nicht sehr professionellen) Fakten, nutzt politisches Unwissen aus, ist durchweg suggestiv und scheint seine Substanz aus kontextlosen Sprachfetzen zu ziehen. Er übergeht indes die Fakten, die gegen seine eigenen Thesen sprechen, verbreitet durch seine Stimmung gar ein unbehagliches Gefühl, verstärkt durch die passende Musik und mit Schlagwörtern, die keinem Zweck dienen, außer das bereits erwähnte Unbehagen noch zu verstärken. Er ist ein Beispiel für schlechten, unvoreingenommenen Journalismus, dem bereits bei etwas näherer Betrachtung jegliche Grundlage fehlt. Er respektiert nicht, dass die Abgeordneten demokratisch gewählt wurden, dass das Volk diese Entscheidung willentlich getroffen hat. Und der Titel, “Nostalgisch und Linksextrem” hält nicht einmal, was er verspricht, denn von Nostalgie sehe ich nichts -- außer den immer gleichen Fragen der Presse im Allgemeinen und des Moderator im Speziellen.

Es ist eine Schande, dass die ARD, die staatlichen Medien, ein solches “Werk” in ihrem Repertoire haben. Es sind diese Momente in denen ich an der Unbefangenheit der Medien zweifle. Was will ich schon vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen erwarten…

Addendum #1 : Nils hat mir noch ein Video zur Vergangenheitsbewältigung innerhalb der die Linke zukommen lassen. Interessant zu hören, besonders wenn in der Presse nach wie vor berichte wie den hier behandelten finden muss: “Luc Jochimsen, DIE LINKE: Wir müssen uns mit der Vergangenheit differenziert auseinandersetzen“.

Comments

14 Responses to ““Nostalgisch und Linksextrem” von Report Mainz — ein Kommentar.”

  1. Glamypunk on May 12th, 2010 20:00

    So ähnlich sehe ich die Sache auch. Gute Kritik. Hier wurde einfach versucht, Munition zu sammeln gegen Die Linke NRW, mit allen Mitteln, journalistisch unsauber, unausgewogen und nicht frei von Hetze. Diesem “Bericht” ist deutlich anzusehen, dass ein Ziel vorher erreicht werden wollten und zu diesem Zweck Interviewschnipsel zusammenmontiert wurden.

    Speziell die gebetsmühlenartige Wiederholung der Einstufung der Roten Hilfe als verfassungsfeindlich in manchen Medien geht mir sehr auf den…. Im Gegenteil, die Rote Hilfe ist ein dringend gebrauchter Verein als Gegengewicht zu einer nach wie vor nicht fairen deutschen Justiz.

    Überflüssig zu erwähnen, dass Franziska Drohsel, noch Juso-Chefin, diesem Verein ebenfalls angehörte sowie Frau Angela Merkel der SED und FDJ in herausragender Funktion. Also sind CDU und SPD DDR nostalgisch und linksextrem? so what.

  2. [...] hier gehts zum Kommentar 49.249911 7.056505 [...]

  3. Virgen48 on May 13th, 2010 09:19

    Sehr gute Rede von Frau Dr. Jochimsen. Und ganz schlechter Beitrag von Report Mainz. Da haben sie wohl die Nr. 4 und 5 ihrer eigenen Programmgrundsätze nicht eingehalten:

    “4) die Pflicht, das gesellschaftliche Meinungsspektrum möglichst umfassend und fair widerzuspiegeln, 5) die Verpflichtung zu wahrheitsgetreuer und sachlicher Berichterstattung sowie zur sauberen Trennung von Nachrichten und Kommentaren.”

    Von fair und sachlich konnte in dem Beitrag überhaupt keine Rede sein.

  4. mcschreck on May 13th, 2010 18:15

    Ideologie mal außen vor.

    Wenn Ihr so halbdebile Weiber wie die da im Bericht zu Euren Anführer macht, frag ich mich, wie sehr Ihr einen an der Klatsche haben müßt!

  5. wilko0070 on May 15th, 2010 22:47

    “Es folgt ein Clip, möglicherweise Archivmaterial, in dem ein offenbar geistig verwirrter Mann das Lied der Partei intoniert.”

    Hier wird aufgeklärt, wer dieser Mann ist:
    http://www.jungewelt.de/2010/05-15/052.php

  6. Virgen48 on May 16th, 2010 10:10

    Noch so ein sachlicher Artikel aus “Welt online”.
    http://www.welt.de/politik/article7644901/Lafontaines-Abschied-vom-Klub-der-Linkshaber.html
    “Zur Begrüßung der Delegierten schmettert der Shanty-Chor Rostock, der seine Utensilien vorher aus einem alten DDR-Bus geladen hat, schunkelgerechte Seemannslieder.” – Das mit dem alten DDR-Bus ist natürlich erwähnenswert. Soll sich ja auch nach alter DDR anhören. Allerdings sind noch vorhandene Trabbi-Fahrer Nostalgiker. Denen würde niemand was Böses unterstellen, wenn die noch mit ihren Plaste-Bombern rumfahren.
    Und weiter:
    “Schon optisch zeigt sich bei diesem Parteitag, welches Sammelsurium ideologischer und habitueller Varianten des Linksseins diese neue Einheitspartei unter einen Hut bringen muss. Das Spektrum reicht von ergrauten Bewegungsveteranen, denen man die Verhärmung angesichts jahrzehntelanger vergeblicher Versuche radikaler Systemveränderung ansieht, über stramme Gewerkschaftsfunktionäre und rastagelockte Antiglobalisierungsaktivisten bis zu vereinzelten Vertretern jener aufgeklärt urbanen neuen Generation der „Ultrapragmatiker“…….”
    Welch Glück, das unsere derzeitigen Regierungsvertreter alle noch so jugendlich sind, keiner graue Haare hat oder sonstwie ziemlich normal aussieht. Aber wenn ich da an Joschka Fischer mit seinen Turnschuhen denke oder an das Aussehen der ersten Grünen , dann kann doch aus den Linken noch was werden. Ganz zu schweigen von der Beschreibung, wer sich bei den Grünen beim Start der Partei so getummelt hat (lt. einer Beschreibung im Beitrag “60xdeutschland – http://www.60xdeutschland.de/die-grunen-werden-eine-partei/ )

  7. aSak on May 16th, 2010 11:34

    @wilko0070: Ui, wunderbare Info, vielen Dank. Gleiches an @Virgen48. Ist doch immer schön zu sehen, wie fair die Berichterstattung in Deutschland so ist. :)

  8. aSak on May 16th, 2010 11:51

    Ohja, und @mcschreck: “Wenn dir sonst nichts besseres mehr einfällt, dann is das gut.” :)

  9. Stupor on May 17th, 2010 09:16
  10. Stupor on May 17th, 2010 09:18

    Okay, Kommentar 10 und 11 (dieser hier) können entfernt werden. Ich habe erst nachträglich gesehen, dass derselbe Link bereits von einem Vorredner gepostet wurde…

  11. aSak on May 17th, 2010 09:25

    Och, Unsinn, da kann man nicht genug drauf rumreiten, lieber Stupor. :)

  12. [...] der Verfassungsschutz für extremistisch hält”, eine im Übrigen sehr nette Beschreibung: Hatten wir das nicht erst? Es bliebe, neben der Tatsache, dass die “relativierenden” Äußerungen nur sehr [...]

  13. Freiheitsliebe on July 5th, 2010 01:21

    Sehr traurig wie in diesem Bericht versucht wurde die LInke nieder zu machen, dass spricht sehr für ein neutrales Fernsehen.

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