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Wenn man sich eine ganze letzte Woche…

Mai 20, 2009 · Posted in think-strange.de, welt-sicht.de by aSak  

…noch einmal durch den Kopf gehen lässt, muss man schon sagen: Yo, alles Mist. Ich wollt’ ja schon früher schreiben, aber dann kommt man doch nicht dazu und am nächsten Tag gibt’s schon wieder was Neues. Ich beschränke mich daher wohl am Besten auf gestern, ich glaube das wird reichen. Das Erste, an das ich mich spontan erinnere, war dieses Dings mit den Ärzten, ehm, der Deutsche Ärztetag.

Im Prinzip ist der moderne Arzt ein nettes Kerlchen, das im Phänotyp variiert -- Krankenhaus- und Praxisarzt. Jörg-Dietrich Hoppe, el Jefe von dem ich bisher eher wenig gehört habe, ist ersterer; umso verwunderlicher, was der gute Mann und seine Ärztekollegen alles fordern. Da ist von einer Prioritätenliste die Rede, weil man zu wenig Geld habe, um alle Menschen zu versorgen. Eine Prioritätenliste!

In der Theorie finde ich das ziemlich ekelhaft, in der Praxis noch schlimmer. (Na, wer findet das Wortspiel?) Es mag ja sein, dass manch einer nicht wegen jeder laufenden Nase gleich zum Doktor rennen sollte, aber darf man deshalb sagen: “Geh weg, dich behandeln wir nicht, du bekommst keine Medikamente?” Witzig ist ja auch, dass sich ein solches System immer zum Nachteil der Betroffenen entwickeln wird: Während im Moment bei so einigen Patienten ihre Behandlung schon von ihrem Geldbeutel abhängig ist, wird hierbei noch die Komponente “ist die Behandlung sinnvoll” eingeführt. Harmlos, eigentlich, oder nicht?

Was glaub ihr denn, welche Krankheiten auf der Prioritätenliste ganz unten stehen werden? Schnupfen, ja, richtig. Weiter?

Wer rät, auf was ich hinaus will, bekommt einen Butterkeks. Außerdem heute: Das Grundgesetz wäre 60 geworden, die Phoenix-Runde “Warum trinken Jugendliche sich ins Koma” -die erste Sendung seit langer Zeit, bei der ich vor dem Ende weggeschaltet habe, weil… seht ihr dann-, … sehr viel Text eben. Und bewegte Bilder!

Bitte, bitte weiterlesen. “Wenn ich schon so viel schreib’, kannst du auch so viel lesen, Arsch!”

Zurück zum Thema: Kopfschmerzen? Ja, durchaus möglich. Wie, Rheuma? Nein, ich hoffe eher nicht. Ich sage euch, was ich meine: Volkskrankheiten jeglicher Art. Die Krankheiten, die am weitesten verbreitet und/oder selbst verschuldet sind: “Du hast nen Herzinfarkt? Tja, selbst Schuld, hätt’ste mal gesünder gelebt!” -- “Was, Sie trinken Alkohol? Nein, da können wir sie nicht behandeln.” -- “Diabetes? Ouh, das Insulin ist grade echt knapp geworden…”. Niemand auf der Halbgötter-Versammlung sagt das so direkt, damit würde sich eine Prioritätenliste unmöglich an die Bevölkerung bringen lassen; es ist dennoch naheliegend.

Natürlich könnte der Eine oder Andere mit seiner Gesundheit besser umgehen, ich glaube, das ist nicht das Thema. Wenn es vom Gesundheitsministerium aber mal wieder tönt, dass “alles für alle bezahlt” würde, dann halte ich das doch für eine immense Übertreibung. Überhaupt -ich muss mal nen Stammtischspruch aufgreifen- es gibt doch immer weniger Leistung für immer mehr Geld!

Wie kann die Krankenkasse einem Über-80-Jährigen klar machen, dass er jahrelang seine Beiträge gezahlt hat, dafür aber heute so viel weniger bezahlt bekommt, als das früher der Fall war. Jetzt, da er es braucht. Beispiel “Brille” -- wie viel haben denn die Kassen nur dadurch eingespart, dass sie keine Brille mehr bezahlen? Ich meine, ne Brille, das Ding was gefühlt jeder 2. in Deutschland auf der Nase hat. Das sind Millionenbeträge! Im Rahmen des Ärztetages hört man dann wieder, dass die Kassenpatienten wieder mehr bezahlen sollen, die Beiträge müssten steigen. In einem Land, in dem es bereits Menschen gibt, die sich allein wegen der 10,- EUR Quartalsgebühr einen Arztbesuch nicht mehr leisten können.

Ja, Herr Hoppe, sie haben Recht, das Gesundheitssystem ist Bockmist. Ihre Vorschläge sind es ebenso. Ich glaube, ich gehe nach Kuba, dort soll es ein ganz hervorragendes Gesundheitssystem geben.

Ich überlege gerade krampfhaft, wie ich eine geschickte Überleitung à la “Etwas erfreulicher ist…” schreiben könnte, aber es fällt mir nichts Erfreuliches ein. Unser Grundgesetz wurde zu Grabe getragen, nach langer schwerer Krankheit. Im Zuge dessen läuft zur Zeit im 2DF eine kleine Reihe, die sich gestern mit Artikel 16a, dem Asylrecht, befasste. Jenes wurde nämlich schon vor langer Zeit verscharrt. Während der ursprüngliche Text noch

(1) Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.

lautete, wurden im laufe der Jahre vier weitere ( ) hinzugefügt, welche das Recht (!) auf Asyl mehr oder minder aushebelten. So isses, unser Grundgesetz, drollig. Den Beitrag können sich Interessierte natürlich online anschauen, von unser aller GEZ bezahlt. Wirklich sehr sehenswert, 5 Minuten politische Bildung am Tag sollen gut für’s Herz sein.

Ganz und gar nicht sehenswert war die gestrige Phoenix-Runde mit dem Titel: “Saufen bis der Arzt kommt? – Jugendliche und Alkohol“. Nein, es war eine Katastrophe, und das, obwohl ich den Sender eigentlich schätze. Ich fasse kurz zusammen, das Thema ist bekannt -- die Protagonisten dieses schier endlosen Dramas:

Gaby Dietzen moderiert. Sie ist sicherlich ein harter Diskussionsführer, aber… “Frau Dietzen. Wenn sie keine Lust darauf haben, die Sendung zu moderieren, dann sagen sie’s doch einfach.” Eigentlich fehlen mir die Worte. Sie interessierte sich nicht für die Meinungen der Gäste, vertrat selbst nur eine: Alkohol ist Teufelswerk. Gut, das mag man so sehen, aber vielleicht sollte man eine Sendung dann nicht moderieren. Gäste, Stichwort: Matthis Morgenstern vom Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung mit einer hervorragenden Studie, die besagt, dass Jugendliche und junge Erwachsene mehr Alkohol trinken, wenn sie mehr Werbung dafür sehen. “Ich sehe, also trink’ ich”, so ähnlich hat’s doch schon Descartes behauptet.

Ebenfalls auf der Seite des Bösen: Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle Suchtfragen e.V., die wie schon seit längerer Zeit eine konservative Meinung zum Thema Alkohol hat: Bier und Wein sind Kulturgut, alles andere ist abzulehnen. Gibt schlimmere Meinungen, aber ganz verständlich ist es für mich nicht. Es schien mir auch bei ihr, dass sie ihre Einstellung die die einzig wahre ansieht, aber das scheint heutzutage zum guten Ton zu gehören.Und während ich diese Zeilen schreibe fällt mir immer mehr auf, wie albern die Runde doch eigentlich war.

Da wäre noch Volker Nickel, vom Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft. Der hat genau das getan, was er kann: Werbung machen. Geschickt war er, seine simplen Fragen brachten seine Diskussionspartner nur leider nicht aus ihrem Konzept, Alkohol im Allgemeinen und Jugendliche im Speziellen als den Untergang der westlichen Welt darzustellen. Herrn Nickel muss man aber zugestehen, dass er ja nicht unvorbelastet ist: Er möchte das Produkt verkaufen. Bemerkenswert ist, dass er als einziger darauf hinwies, dass mehr Werbung nicht zu mehr Konsum führt, die Zahlen tatsächlich rückläufig sind. Ihr wisst ja: Es trinken insgesamt weniger Jugendliche Alkohol, diejenigen, die ihn aber trinken, trinken davon mehr.

Bevor ich zum letzten Teilnehmer komme -- ein kurzer Exkurs: Diese Entwicklung bestätigt genau meine Meinung (und jene von Herrn Hugendick, später…), warum Jugendliche sich am Wochenende die Birne zuschütten: Es macht ihnen Spaß. Ganz einfach. Ich sag’s allen Biedermännern da draußen und jeder, der einmal einen sitzen hatte, kann das nachvollziehen. Ok, gut, die meisten. Dieser Jugend-Randgruppe macht es nun schon seit Jahren Spaß. Selbst wenn man dann den Erkenntnissen von Hirschhausens glauben schenkt, denke ich mir: “Sie trinken seit vielen Jahren, also vertragen sie auch mehr. Sie wollen sich betrinken. Sie trinken mehr. Weil sie es können.” Manch einen mag die Entwicklung schockieren, aber so funktioniert eine dekadente Gesellschaft anscheinend. Exkurs Ende.

Der letzte Protagonist war… mir fällt tatsächlich kein besseres Wort als “hilarious” ein: David Hugendick von ZEIT ONLINE. Ich möchte ein paar Worte an ihn persönlich richten, ihr dürft mitlesen:

Lieber David Hugendick,

du warst wirklich tapfer, bei diesen harten Kontrahenten. Du vertratest jene Meinung, die auch ich eben geschildert habe und das mit einem Hauch Verwirrung. Du warst nicht auf den groben Umgangston vorbereitet, habe ich Recht? Trotzdem hast du dich gut geschlagen, auch wenn du vor Nervosität kaum ein Wort von den Lippen gebracht hast. Mach dir nichts draus, du bist in der Rolle, in der ich gerne wäre -- und ich wäre vermutlich genauso perplex wie du gewesen. Lass dich nicht unterkriegen, aber üb’ doch bitte noch ein wenig vor dem Spiegel.

Grüße
“aSak”*

* Name geändert

Ich glaube, ich übergehe die restliche Schildung zur Sendung, zumal auch diese im Web verfügbar ist. Wer’s sich antun möchte -- trocken, aber ohne Humor.

Zum Abschluss dieses ewigen Textes gibt’s noch einmal Deutschland: Die Petition gegen’s Zensurgesetz steht bei ~88.000 Zeichnern. Ziehen wir davon einmal geratene 18.000 ungültige Stimmen ab, sind wir bei 70.000 -- da geht noch was! Weitersagen, mitmachen. Wer immer noch nicht weiß, warum, der sollte einen Blick auf dieses kleine Kunstwerk werfen -- Du bist Terrorist.


(via wem wohl)

So, Ende jetzt. Diskutiert ihr weiter.

Comments

3 Responses to “Wenn man sich eine ganze letzte Woche…”

  1. Nomadenseele on Mai 20th, 2009 15:02

    Während im Moment bei so einigen Patienten ihre Behandlung schon von ihrem Geldbeutel abhängig ist, wird hierbei noch die Komponente “ist die Behandlung sinnvoll” eingeführt. Harmlos, eigentlich, oder nicht?
    ____

    Schwierige Frage, ich nehme mal meine Großmutter:
    89 Jahre und bekommt alleine für 500 Euro Augentropfen im Monat, von den übrigen Pillchen ganz zu schweigen. Ich möchte zwar auch, dass ich unabhängig vom Alter versorgt werde, aber es kann auch nicht sein, dass jemand, von dem nicht klar ist, ob er in einem halben Jahr noch lebt, für über 500 Euro Medikamente verbrät, während für jüngere kein Geld mehr da ist; für mich stimmen die Relationen überhaupt nicht.
    Ich bin auch durchaus dafür, dass jemand der gefährliche Freizeitbeschäftigungen wie Ski- / Motorradfahren das extra versichern muß, alleine die dadurch gesparten Kosten können die Grundversorgung zu Teil retten.

  2. aSak on Mai 20th, 2009 18:58

    Richtiger Ansatz: Risikosportarten müssen nicht unbedingt abgedeckt werden; dort wäre in der Tat eine gesonderte Versicherung sinnvoll. Man mag natürlich darüber debattieren, ob man für alte Menschen ohne hohe Lebenserwartung jegliche Medizin zur Verfügung stellen soll – ich sage aber ganz klar: Ja, soll man.

    Wenn das Geld nicht reicht, muss der Staat eben zahlen, in Großbritannien geht’s mit deren NHS doch auch wunderbar. Ursache für unser Problem ist, dass wir uns immer mehr dem amerikanischen System, in dem Krankenkassen gewinnoptimiert geführt werden, annähern. Die Gesundheit des Menschen darf aber nicht am Geld gemessen werden.

  3. m1ss1 on Mai 21st, 2009 02:10

    tzk, man kann sowas wie gesundheit nicht am lebensstil des menschen beurteilen.

    würde ich lungenkrebs bekommen – raucher – würde ich dann die behandlung erstattet bekommen? – ich denke nicht, da ich ja eventuell selber dran schuld bin

    meine großmutter ist am lungenkrebs gestorben – nich eine kippe im leben gequalmt – sie hätte es wohl eher erstattet bekommen.

    extremes beispiel – fällt wohl auch aus dem Raster (aber es ist spät und es ist mir egal)

    um auf den grundpunkt zurück kommen: körperlicher ‘zustand’…

    ich lebe – ausgenommen vom rauchen – (also fast) straight edge. kein fleisch (außer fisch, auch wenn jeder behauptet das fisch =|= fleisch ist), kein alkohol, drei mal die woche sport.
    und? ich hab athrose in der schulter (mimimi). während mein bruder es sich extrem gut gehen lässt (saufen, rauchen, mampfen :D ) die gesundheit in person ist.

    man kann – denke ich – nicht durch gewohnheiten des menschen ursachen für krankheiten pauschalisieren.

    natürlich gibt es kleinere indikator wie. “uiuiui erhöhte cholesterinwerte, sie sollten sich gesünder ernähren.” aber deswegen jegliche unterstützung fallen lassen?

    hmm… wahrscheinlich geht mein traum doch noch in erfüllung und der darwinismus kehrt in die welt zurück. (survival of the fattest wallet)

    cheers

    m1ss1

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