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Suizidjournalismus

November 11, 2009 · Posted in think-strange.de by aSak  

Wer seit dem gestrigen Abend TV geschaut hat, dem dürfte nicht entgangen sein, dass unser Nationaltorwart Robert Enke seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Damit ist die Nachricht -für mich- erledigt, mehr möchte ich eigentlich nicht wissen. Gestern noch den meisten Deutschen unbekannt ist Enke heute ein Medienheld und damit einher geht unsäglich schlechter Journalismus. Beginnen möchte ich daher mit Ziffer 8 des Pressekodex’.

Richtlinie 8.5 – Selbsttötung
Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Eine Ausnahme ist beispielsweise dann zu rechtfertigen, wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt.

Ja, er mag eine Person öffentlichen Interesses gewesen sein, doch nicht in dem Maße, wie es die Medien im Moment suggerieren. Dass der privatisierte Boulevardjournalismus dies nicht respektiert, ist verständlich; dass es im von GEZ-finanzierten TV breitgetreten wird, ist eine Schande. In den Nachrichten, in Sondersendungen: Regionalzug, Rettungsdienst, zutiefst schockiert. Interessieren wir uns wirklich dafür? Muss jedes kleinste Detail eines Menschen nach seinem Tod analysiert und visualisiert werden? Gibt es nicht Themen, über die man auch einmal nicht berichten muss? Es existieren gar historisch Gründe gegen die Berichterstattung von Selbsttötungen; muss man Fehler mehrfach begehen?

Was rege ich mich auf. Die Fragen, die der Durchschnittsreporter im TV stellt, lassen Schlimmes erahnen. “Wie ist denn die Stimmung bei der Nationalelf?” — die werden wohl feiern. Endlich isser tot, der Lump. “Kann man sagen, dass seine Maskerade nun ein Ende gefunden hat?” — bittewie? “Hätte man es nicht vielleicht doch verhindern können?” — anscheinend nicht. Leute, hört ihr euch selbst eigentlich zu? Oder: Ist das euer Ernst?

Ich möchte nicht weiter darüber sprechen, belassen wir’s dabei. Es ist ohnehin immer dasselbe, es geht nur um den Tod. Ob ermordet wie Rudolf Mooshammer, gescheitert wie Michael Jackson oder tragisch wie im Fall Enkes, man muss es in die Öffentlichkeit ziehen. Geld kennt keine Moral. Vielleicht sollte es.

Comments

11 Responses to “Suizidjournalismus”

  1. LunaHexe on November 12th, 2009 11:55

    Was mich sehr gestört hat war die Tatsache daß die immer von “Freitod” gesprochen haben, anstatt von Selbstmord. Daran ist doch nichts “frei”.

    Luna

  2. Nermy on November 12th, 2009 14:44

    doch. der mensch entscheidet nach seinem freien willen. niemand zwingt ihn dazu, sich umzubringen.

  3. aSak on November 12th, 2009 16:01

    Diese ganzen Wertungen in den Begrifflichkeiten sind ohnehin heikel: Freitod, Selbstmord, Selbsttötung, Suizid – es umschreibt doch immer das Gleiche. Die wenigsten Betroffenen machen sich zuvor über die Terminologie Gedanken, wozu auch.

    Ich denke allerdings insofern auch nicht, dass es “frei” ist, denn leidet man wirklich an starken Depressionen (und allem, was dazugehört), so sieht man selbst keine andre Lösung als die Tötung von sich selbst. Ich würde das schon eher als Zwang sehen und Zwänge haben nichts mit Wahlfreiheit zu tun. Selbstmord -demzugegen- wertet die Tat ab, als dass sie als “Mord” tituliert wird und demnach ein Unrecht darstellt.

    Ich bleibe daher, wenn ich die Begrifflichkeiten bewusst verwende, tatsächlich gerne bei Suizid oder Selbsttötung. Was an der Sache jedoch nichts ändert.

  4. mO on November 12th, 2009 22:03

    pah, wer im Frühjahr noch n Kind adoptiert und sich jetzt vorn Zug feuert, der schmort in meinen Augen zurecht in der Hölle! Ich versteh den ganzen Hype sowieso nicht…macht man ja sonst auch nit, wenn jmd vom Zug überfahren wird!

  5. LunaHexe on November 13th, 2009 07:45

    @Nermy:

    Ich dachte es hätte sich herumgesprochen daß Depression eine Krankheit ist. “An sich” sollte doch schon die Genetik verhindern daß Leute Selbstmord begehen. Wenn sie dann doch tun weil sie verzweifelt sind und keinen anderen Ausweg mehr sehen hat nach meiner Meinung sehr wenig mit “Freiheit” zu tun.

    Luna

  6. mcschreck on November 13th, 2009 08:24

    …und jeder Nordkurven-Assi meint jetzt das Recht zu haben, da mitreden zu dürfen…

  7. Nermy on November 13th, 2009 09:46

    @LunaHexe:
    heisst es, dass _jeder_ der sich selbst toetet, an depression erkrankt ist? und zwar an einer schweren, unheilbaren depression? ô.O

  8. LunaHexe on November 13th, 2009 14:53

    Nein Nermy, natürlich nicht “jeder”. Aber ein dem Fall dieses Fußballers ist das mit der Depression ja wohl unstrittig, oder :)

    Insofern sehe ich das mit der “Freiheit” eher nicht.

    Luna

  9. Viego on November 14th, 2009 12:18

    Das ist aber dann eine philosophische Diskussion. Bin ich frei wenn ich krank bin? Bin ich frei wenn eine Arbeit habe; oder einen Partner; ist der Mensch denn überhaupt frei?

    Aber zurück zum “Freitod”. Es gibt Alternativen wie Johanniskraut essen, eine Lihtiumtherapie, den Arzt wechseln, den Beruf wechseln; mit Personen reden, die einem nahe stehen usw.

    Also war die Wahl mE frei.

  10. Keldan on November 14th, 2009 20:46

    Es gibt Alternativen wie Johanniskraut essen, eine Lihtiumtherapie, den Arzt wechseln, den Beruf wechseln; mit Personen reden, die einem nahe stehen usw.

    Bei einer schweren Depression dürfte Johnniskraut nicht allzu viel helfen

  11. Nermy on November 16th, 2009 12:35

    schwere depressionen kommen nicht ueber nacht.. die fangen als leichte an, wo man sie noch gut therapieren kann.. aber ich glaube, wir weichen vom thema ab..
    das mediale ausschlachten von ungluecksfaellen ist einfach nur ekelhaft.

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