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Großes Kino: “Wer sind diese Coens überhaupt?”

März 30, 2009 · Posted in Empfehlenswertes, think-strange.de by aSak  

Von manchen Film-Regisseuren kennt man nicht nur den Namen, sondern kann auch aus dem Stehgreif eine Menge ihrer Werke benennen. Steven Spielberg ist ein ganz klassisches Beispiel: Viele Filme, viele Oscars, der Uber-Regisseur wenn man so möchte. Ethan und Joel Coen sind Brüder, die es noch nicht ins kollektive Gedächtnis meiner Generation geschafft haben. Stellt sich die Frage: “Warum eigentlich nicht?”

Gehen wir noch ein wenig zurück, ein paar Jahrzehnte. Hollywood war zwar auch damals schon Hollywood, aber das Filmgeschäft war noch nicht so weit industrialisiert wie heute. Private TV-Geräte waren mehr Ausnahme als Regel, es gab weniger Filme und die meisten Einzelwerke hatten unbestreitbar einen künstlerischen Anspruch. Die Filme wirken für ein jüngeres Publikum sehr langweilig und wenn wir nicht unbedingt in die USA schauen wollen, dann kann man an dieser Stelle die “James Bond”-Reihe anführen: Es liegen Welten zwischen “Dr. No” und dem 44 Jahre älteren “Casino Royale”. Zusätzlich zum wachsenden Absatzmarkt für Filme, wächst natürlich auch die Anzahl der Produktionen. Ich möchte nicht sagen, dass “alte” Filme per sé einen höheren Anspruch aufweisen, als dies bei neuen der Fall ist, aber ich sage, dass es durch die höhere Verbreitung des Mediums für Macher viel einfacher wurde, auch den größten Schund unter die Leute zu bringen. Dieser Beitrag handelt nicht von jenem Schund, sondern von einer künstlerischen Insel in einem Brackwasser-Ozean.

“Ja, wer sind die Coens denn jetzt? Kommt da noch was?”

Ich gebe zu, dass ich das Erstlingswerk der Coen-Brüder -”Blood Simple”- (noch) nicht gesehen habe, aber ich habe einige der neueren Filme gesehen und bin von jedem Einzelnen begeistert – das ist selten. Im Folgenden möchte ich auf vier von diesen eingehen; um euch den Spaß nicht zu verderben, schreibe ich hier einmal die schöne Warnung “Vorsicht: Spoiler” hin. Ob es wirklich welche werden, weiß ich noch nicht, aber ein Hinweis schadet sicher auch Niemandem.

Chronologisch halbwegs korrekt, möchte ich mit The Big Lebowski aus dem Jahr 1998 anfangen, 14 Jahre nach dem Regiedebüt der Coens. Innerhalb von kürzester Zeit schaffte es der äußerst skurrile Spielfilm (den ich nur ungern als “Komödie” betiteln möchte), Kultstatus bei Vielen zu erreichen. Nicht nur die erstgradige Besetzung (Jeff Bridges als “der Dude”, John Goodman als Walter und Steve Busceme als Donny), sondern vor allem die überzeichnete Originalität der Charaktere haben daran Schuld – ein Merkmal aller Coen-Filme, denn “normale” Leute sucht man dort vergeblich. Zur Story, schnell zitiert:

Der Film spielt in Los Angeles Anfang der 1990er. Der Alt-Hippie Jeffrey Lebowski, der sich selbst nur der Dude nennt, schiebt im wahrsten Sinne des Wortes eine ruhige Kugel als Bowler: Er entspannt sich zwischen den regelmäßigen Bowlingrunden mit seinen Freunden Walter Sobchak und Donny Kerabatsos, mit dem Lauschen von Walgesängen, dem Trinken von White Russians und dem Rauchen von Joints in der Badewanne.

Dieses beschauliche Leben ändert sich schlagartig, als zwei Schlägertypen bei ihm eindringen, weil sie ihn für einen Millionär gleichen Namens halten, dessen Frau Bunny Lebowski ihrem Boss Geld schuldet. Um ihn einzuschüchtern, taucht ihn der eine kopfüber in die Toilette, und der andere uriniert auf seinen Lieblingsteppich.

So nimmt der Film seinen Lauf. Minifazit: Fast jeder, der ihn gesehen hat, mag den extravaganzen Humor, wer ihn nicht gesehen hat, dem werde ich hier nicht mehr verraten wollen, außer: Lustige Unterhaltung, die nicht in Anspruchslosigkeit versinkt.

Der nächste Film in dieser kurzen Vorstellungsreihe ist chronologisch der nächste und zugleich der Unbekannteste: Oh Brother, Where Art Thou. Bis ich die DVD dazu in den Händen hielt, hatte auch ich noch nichts davon gehört, aber ein plakatives “George Clooney” auf dem Cover und eine nicht uninteressante Angabe auf der Rückseite nötigten mich zum Kauf.

Die Geschichte spielt im Mississippi des Jahres 1937 zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. Im Vorspann wird die Odyssee Homers als Inspirationsquelle des Films genannt. Der Film beginnt mit der Flucht der drei Sträflinge Ulysses [Anm: "Odysseus"] Everett McGill, Pete Hogwallop und Delmar O’Donnell aus dem Gefängnis. Ziel ihrer Flucht ist der Ort, an dem Everett die Beute seines letzten Raubzuges vergraben haben will. Doch Eile ist geboten, denn das Versteck der Beute befindet sich angeblich in einem Tal, das in vier Tagen durch einen Staudamm geflutet werden soll.

Die Reise wird zu einer abenteuerlichen Odyssee, bei der die Flüchtigen unter anderem auf einen Zyklopen mit Augenklappe treffen, der Bibeln verkauft, und von einem teuflischen Sheriff gejagt werden. Auch Begegnungen mit dem Bankräuber George „Babyface“ Nelson und einer Horde von Anhängern des Ku-Klux-Klan bleiben ihnen nicht erspart. Ganz nebenbei nehmen die Drei mit Blues-Gitarrist Tommy Johnson, der seine Seele an den Teufel verkauft hat, als „Soggy Bottom Boys“ eine Platte auf und werden, ohne es zu merken, zu Country-Musik-Stars.

Neben diesen Handlungen gibt es (was für Coen-Filme nicht typisch ist) auch eine kleine Liebesgeschichte am Rande. Besonders die Musik des Filmes ist ein Indikator für den künstlerischen Anspruch: Obgleich ich kein Fan von Country (oder BlueGrass oder Banjo oder oder) bin, reißt diese einfach mit! George Clooney ist zudem noch immer George Clooney, aber mir fällt keine vergleichbare Rolle ein, die er gespielt hat; “Einzigartig” bezeichnet sowohl seine darstellerische Leistung, als auch die seiner vertrottelten Kumpanen, gespielt von den eher unbekannten John Turturro und Tim Blake Nelson.

Minifazit: Die Umsetzung der klassischen Odysseus-Geschichte in die Südstaaten der durch Rassentrennung gekennzeichneten frühen USA hätte scheitern können. Ist sie aber nicht; ganz im Gegenteil: Nebst einiger kritischer Szenen bietet “Oh Brother, Where Art Thou?” (im schönsten Altenglisch) eine gesunde Portion Humor und Situationskomik, welche nur selten “platt” ist. Weiterhin werden Vorkenntnisse zu Odysseus empfohlen; nicht, dass man sie bräuchte, aber die moderne Adaption dessen zu sehen, ist auf jeden Fall äußerst interessant!

Weniger clown-komische Wege beschreiten die Coens mit dem vierfachen Oscar-Gewinner “No Country For Old Men” aus dem Jahr 2007. Dass auch hier die Besetzung hochkarätig ist, muss ich nicht erwähnen – und ich tu’s trotzdem: Tommy Lee Jones als “Sheriff Ed Tom Bell”, einer der alten Männer, Javier Bardem als der professionelle Killer “Anton Chigurh”. Dazu gesellen sich Josh Brolin, Woody Harrelson und einige Schauspieler mehr, auch wenn sich die Haupt-Story auf einige wenige Charaktere beschränkt. Inhalt!

Die Handlung spielt im Jahr 1980 in Texas. Bei einer Jagd in der Wüste stößt der Vietnamkriegsveteran Llewelyn Moss auf den Schauplatz eines gescheiterten Drogendeals, bei dem sich die Gangster gegenseitig erschossen haben. Moss findet nur noch einen halb verdursteten Verwundeten, eine Wagenladung aus Mexiko stammenden Heroins und zwei Millionen Dollar in einem Koffer. Er nimmt den Koffer an sich und bringt ihn nach Hause zu seiner Frau Carla Jean, ohne zu ahnen, dass sich darin auch ein Peilsender befindet. Als Moss nachts in die Wüste zurückkehrt, um dem Verwundeten Wasser zu bringen, wird er von plötzlich auftauchenden Mexikanern beschossen, die den Ort der Schießerei inzwischen gefunden haben. Moss entkommt ihnen, er muss jedoch sein Auto zurücklassen und fürchtet, die Kennzeichen könnten die Verfolger zu ihm und seiner Frau führen.

In der Folge wird Moss von den Mexikanern, dem mit ihnen konkurrierenden und von der amerikanischen Mafia engagierten Auftragskiller Anton Chigurh sowie dem amtsmüden örtlichen Sheriff Ed Tom Bell, der Moss und dessen Frau beschützen will, verfolgt.

Der Film spaltet sein Publikum: Während ich viele Leute kenne (inklusive mir), die ihn sehr spannend fanden, gibt es einige wenige, die mit dem Film nichts anfangen können, ihn gar als antiquiert bezeichnen. Ich vermute aber, dass dies das Schicksal aller Coen-Filme ist. Solange die Academy aber hinter den (noch immer!) überzeichneten Charakteren der Produzenten steht, haben diese nichts zu befürchten. 8 Oscar-Prämierungen, 4 gewonnene Oscars und zig andere Preise (und Nominierungen) sprechen in diesem Fall wohl für sich.

Minifazit: Ernster, mit Metaphern und Parabeln gespickter Film über den Generationenwandel in den USA. “Bisher nie dagewesen!” und “sehenswert!” ist zwar abgedroschen, beides trifft allerdings ins Schwarze.

Der letzte Film der Gebrüder, den ich erst gestern zu Gesicht bekam, ist “Burn After Reading“. Als ich vor einiger Zeit den Trailer dazu sah, erwartete ich etwas gänzlich Anderes als das, was präsentiert wurde. Obgleich der Film eine herrlich erfrischende Komik besitzt, die durch die Naivität der Charaktere am Leben erhalten wird, muss man sagen, dass das Grund-Thema nicht unbedingt lustig ist: Das individuelle Scheitern fast aller Protagonisten.

Nachdem man ihm Alkoholprobleme vorgeworfen hatte, arbeitet der aus dem Dienst entlassene CIA-Analyst Osbourne „Ozzie“ Cox (John Malkovich) an seinen Memoiren. Seine Ehefrau Katie (Tilda Swinton), die ihn mit dem ehemaligen Finanzministerium-Personenschützer Harry Pfarrer (George Clooney) betrügt, strebt die Scheidung an. Um Material gegen ihren Mann zu sammeln, kopiert sie für ihren Rechtsanwalt Daten aus „Ozzies“ Computer auf eine CD, unter anderem auch den Text seines geplanten Buches. Die Sekretärin des Rechtsanwalts verliert jedoch den Datenträger in der Umkleidekabine ihres Fitnesszentrums Hardbodies. Dort findet ein Angestellter die CD und übergibt sie seinem Kollegen Chad Feldheimer (Brad Pitt). Dieser glaubt schon bald, mit Hilfe seiner Kollegin Linda Litzke (Frances McDormand), den Ex-CIA-Mann erpressen zu können.

Um es kurz zu machen und der Spoilerwarnung gerecht zu werden: Brad Pitt wird ziemlich abrupt erschossen. Das gibt’s nicht in vielen Filmen, außer in “Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford”; auch ein Film, den man gesehen haben sollte. “Burn After Reading” entpuppt sich zumindest schnell als “typischer” Coen-Film, wenn man Brad Pitt als naiven Fitnesstrainer in Spiel bringt, der “echt geheimen Geheimdienst-Scheiß” findet. Mit “Daten und Zahlen und Zahlen und Daten und Zahlen und Daten” – brilliante Komik, will ich meinen.

Dies ist natürlich nur eine kleine Auswahl an Filmen aus der Feder der Gebrüder Coen; auch kann ich nicht sagen, ob eben jene Filme, die ich nicht sah, nicht totaler Schrott sind. Wenn aber die Erfolgsgeschichte kein abruptes Ende findet, wird man Joel und Ethan eines Tages ganz selbstverständlich in einer Reihe mit den größten Regisseuren nennen können. Wenn das nicht sogar schon geschieht.

Ich denke, das ist ersteinmal genug Filmfutter für die Zeit, in der man des Zockens überdrüssig ist. Anmerkungen (zu dem Beitrag oder zu den Filmen) und sonstiges Feedback ist natürlich immer gerne gesehen. Lasst’s krachen!

Comments

3 Responses to “Großes Kino: “Wer sind diese Coens überhaupt?””

  1. Nermy on März 31st, 2009 11:35

    ich mag den grossen lebowski. ;)

  2. [...] obige Referenz gar nicht stimmt, viel mehr nimmt der NPC Bezug auf die Hauptfigur des Filmes “O Brother, Where Art Thou?“, Ulysses Everett McGill. Im Gefängnis besitzt dieser eine Spitzhacke zum Steineklopfen, [...]

  3. Andreas on Mai 29th, 2009 14:33

    Es gibt sie, die schlechten Filme der Coen-Brüder.

    Durch die Filme Barton Fink (1991), Fargo (1996) und Hudsucker Proxy (1994) bin ich Ende der Neunziger Fan geworden. Mit The Big Lebowski (1998) und O Brother, Where Art Thou? (2000) haben sie für mich verdient den Kultstatus erreicht.

    Meine Meinung nach, war Intolerable Cruelty (2003) der erste schlechten Film. Dann folgte The Ladykillers (2004), ein Remake des Klassikers von 1955. Beide Filme fand ich unerträglich.

    Bei Miller’s Crossing (klasse!), Blood Simple (war damals nicht so mein Fall) und The Man Who Wasn’t There (großartig!) habe ich festgestellt, dass die Coens nicht nur ein bestimmtes Genre bedienen.

    Burn After Reading hat mich schon sehr gut unterhalten, aber hauptsächlich durch die guten Schauspieler (sie haben sogar Sledgehammer ausgegraben). Die Handlung ist eher dünn und lahm. Brillant fand ich aber den Dialog am Ende ;)

    Mein Fazit: Acht geniale Filme, zwei gute Filme, zwei ganz schlechte und zwei habe ich nicht gesehen.

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