Kopfpauschale: Herr Rösler, noch einmal nachrechnen, bitte.
Soeben zwitscherte mir eine Informantin einen Bericht aus dem Kölner Stadtanzeiger mit dem Titel “Rösler will Mini-Kopfpauschale“. Während die gemeine Kopfpauschale (praetium caputis vulgaris) vom Volk höchst kritisch beäugt wird, entdeckt unser liberaler Gesundheitsminister eine neue Spezies, praetium caputis minimalis. Was hat es damit auf sich?
Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) will nach Presseinformationen für die gesetzliche Krankenversicherung 2011 eine Gesundheitsprämie in Höhe von voraussichtlich 29 Euro im Monat einführen. Diese Kopfpauschale müsste von jedem Versicherten neben den Beiträgen gezahlt werden, wie die in Potsdam erscheinende Zeitung “Märkische Allgemeine” berichtet.
Um die Bürger auch zu entlasten, will Rösler den 2005 eingeführten Zusatzbeitrag der Arbeitnehmer in Höhe von 0,9 Prozent streichen. Die Beiträge für die Krankenkassen würden dann wieder paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern finanziert.
Sehr geehrter Herr Rösler,
ich vermute, dass die Teile ihres Denkens, die sie zu einem guten Arzt machen, sie gleichzeitig zu einem schlechten Kopfrechner machen. Wie sonst ist es zu erklären, dass sich in einem solch kurzen Textabschnitt solch gravierende Mängel finden. Beginnen möchte ich dabei mit dem Wort “paritätisch”, welches in seinem Wortsinn “gleichgestellt” bedeutet. Vor einigen Jahren noch war die Finanzierung der Krankenkassen so, wie Sie sie beschreiben: Arbeitgeber und Arbeitnehmer hatten die gleichen Kosten zu tragen. Heute ist das nicht mehr so, seit 2005 bezahlt der Arbeitnehmer 0,9% mehr.
Es ist vollkommen korrekt, dass eine Streichung dieser 0,9% zum alten Zustand zurückführt; es ist jedoch falsch, dies zu behaupten, wenn man im gleichen Atemzug von “monatlich 29 Euro” spricht. Vielleicht war es aber nicht Ihr Fehler, sondern der der Tageszeitung. Dennoch möchte ich noch einen Schritt weiter gehen und Ihnen klassisch-neoliberale Politik vorwerfen. Verfolgt man Ihren Gedankengang weiter, so stellt sich die Frage, wer davon profitiert und wer dabei verliert. Es drängt sich die Frage auf:
“Wann sind 0,9% mehr oder weniger als 29 Euro vom Bruttogehalt?”
Ich verrate es Ihnen (und allen anderen): Wer mehr als ~2.900 Eur brutto verdient, wird entlastet, wer weniger als diese Summe verdient, muss mehr bezahlen — und die Arbeitgeber werden wiedereinmal außen vor gelassen. Könnte man dies polemischer ausdrücken? Sicherlich: Sie und die FDP bevorteilen Gut- und Besserverdiener und wälzen die Last auf Niedrigverdiener ab. Gewagte Worte, ja das stimmt, doch vielleicht hilft es, wenn man sich den Durchschnittsverdienst der Menschen in Deutschland einmal genauer anschaut.
Unabhängig davon, wo man sich gerade befindet, liegt dieser Durchschnittslohn (nach obiger Seite) zwischen 30.000 Eur (Hamburg) und 20.000 Eur (Mecklenburg-Vorpommern) brutto im Jahr. Mittels einfacher Grundrechenarten landet man also bei ~2.500 Eur brutto in Hamburg und bei ~1.667 Eur brutto in Meck-Pom. Diese Zahlen sind auf den gesamten Arbeitsmarkt bezogen, nimmt man nur die Vollzeitbeschäftigten (dafür bundesweit), so kommt man auf ~3.100 Eur brutto. Rein statistisch bezahlt aber jeder “Durchschnittsbürger” (der eben nicht unbedingt eine volle Stelle hat) mit Ihren vorgeschlagenen 29 Eur mehr als bei den vorherigen 0.9%. Von einer “Entlastung” kann bestenfalls für Vollzeitarbeitnehmer eine Rede sein. Wie wir aber alle wissen, sind Statistiken nur Zahlenspielereien; vielleicht sollte man daher eher auf die absoluten Einkünfte der Bürger schauen.
“Was erlaube Rösler?” — eine einfache Lektion, wie man Geringverdiener zur Kasse bittet und dabei seine Klientel bedient. Selbst du, lieber Leser, wirst danach die liberale Gesundheitspolitik in Frage stellen. Garantiert.
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