“Nostalgisch und Linksextrem” von Report Mainz — ein Kommentar.

May 12, 2010 · Posted in think-strange.de, welt-sicht.de · 14 Comments 

Trolle solle man nicht füttern, so heißt es — doch von Zeit zu Zeit muss man sich mit ihnen auseinandersetzen. Vor wenigen Tagen lief in der ARD bei Report Mainz ein Bericht zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen mit dem ganz und gar unpopulistischen Titel “Nostalgisch und Linksextrem“; Inhalt: eine Auseinandersetzung mit den Kandidaten der Linken zur Wahl. Zuletzt (aber nicht ausschließlich) darauf hingewiesen wurde ich von einem meiner Lieblingsleser. Weil ich nun also wissen möchte, wie berechenbar ich wirklich bin, gibt’s jetzt meine persönliche Einschätzung des Berichtes hier, von Anfang bis Ende. Zunächst daher der Bericht:

Beginnend mit dem Vorwort muss man schon anmerken: Ist so nicht ganz richtig; zum Zeitpunkt der Produktion waren große Koalition und Rot-Rot-Grün die einzigen Optionen, mittlerweile hat es die “Ampel” zumindest als theoretisches Konstrukt in die Debatten geschafft. Die Rhetorik und Methodik von Herrn Pinkwart soll aber nicht Thema dieses Artikels sein, weshalb wir besser mit dem Inhalt fortfahren:

“Freiheit muss nicht sein”: die Rote Hilfe.

“[...] Die Linken gelten nicht nur als chaotisch und zerstritten, sie haben auch sehr fragwürdige Ansichten, z.B. zur DDR.” -- erklärt uns die Moderatorin. Es folgt ein Clip, möglicherweise “Archivmaterial” (siehe Kommentare!), in dem ein offenbar geistig verwirrter Mann das Lied der Partei intoniert. Nun ist es so, dass seit 20 Jahren weder die DDR noch das Parteilied in der Öffentlichkeit präsent sind, der Vers es aber schafft, schon in den ersten Sekunden ein beklemmendes Gefühl hervorzurufen: Die DDR ist zurück, ein Schrecken für jeden Demokraten! Mit dieser Einstimmung kann das Thema dann endlich beginnen, die Frage, wer eigentlich nun in den Landtag einzieht.

Selten ließ sich ein TV-Bericht in allen Bereichen so leicht demontieren. Liebe ARD-Mitarbeiter, liebe Leser -- tendenziöser Journalismus vom Feinsten. So viel, dass er fünf DIN-A4-Seiten füllt!
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Journalismus: Die letzte Orange.

April 17, 2010 · Posted in think-strange.de · Comment 

“Stellt euch vor, dies sei die letzte Orange auf diesem Planeten”, so lautete im groben die kleine Übungsaufgabe des Seminars. Nun, keine großen Vorworte, so sähe das dann möglicherweise aus. Ein Stück mittelmäßige, journalistische Prosa.

Das ist sie also, die vermutlich letzte Orange der Erde, welche durch eine Verkettung glücklicher Umstände in meinen Besitz gelang. Noch vor wenigen Jahren waren Orangen mitunter die beliebtesten Früchte, die man für den täglichen Gebrauch als Saft oder Nachspeise kaufen und genießen konnte. Heute ist dies anders, die Apfelsine ist vom Angesicht der Erde verschwunden. Bis auf dieses Exemplar.

Die zum Teil noch helle Schale verrät, dass die Orange noch nicht zur Gänze gereift ist, ein Zustand, der sich jetzt nur mehr schwer verändern lässt. Sie liegt schwer in der Hand, fühlt sich im Gegensatz zum äußeren Erscheinen aber reif und saftig an. Sollte man dieses vielleicht letzte Zeugnis einer verschwundenen Pflanze überhaupt verzehren?

Rau ist sie und sie riecht, wie es für Orangen üblich war, verlockend und süß. Ja, auch wenn es die letzte Frucht ist, so wird sie den gleichen Weg und Nutzen erfahren, wie viele ihresgleichen zuvor. Ohne ein Messer scheint sie sich gegen die Versuche, die Schale zu entfernen, zu wehren; bittere, weiße Fasern haften hartnäckig an der Außenseite des Fruchtfleisches. Es benötigt etwas Geschick, die Orange zu zerteilen, doch es ist dieser Moment, der wehmütig macht: Der süße Duft steigt in die Nase, entfaltet sich in der gesamten Umgebung. Ein letztes Mal.

Oh noes! Die letzte Orange! Echt jetzt!
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Haiti: Und die Welt schaut zu.

January 18, 2010 · Posted in think-strange.de, welt-sicht.de · 3 Comments 

Die morbide Überleitung zwischen Zombies und Haiti, einem Ursprungsorte des Voodoo-Glaubens, würde ich mir gerne sparen, denn eigentlich ist das Thema ein sehr ernstes. Weiterhin möchte ich versuchen, die Floskel “das Armenhaus der Welt” nicht wie die Boulevardpresse zu verschlagworten — obwohl gerade Haiti dafür sorgen sollte, dass die erste Welt aufhört, ihre Augen vor Leid und Armut zu verschließen. Wäre es doch nur so einfach.

Katastrophale Presse
Kein Thema findet sich in der Presse so breitgetreten wie das durch Katastrophen verursachte Leid von Menschen. Wann immer auf der Welt Naturkatastrophen ganze Länder verwüsten, wuseln sich Nachrichtensprecher und -redakteure, schreibendes und sprechendes Volk zusammen, um möglichst die spektakulärsten Bilder liefern zu können: Grauen frei Haus. Während diese Art der Berichterstattung mit Sicherheit viele Menschen sensibilisiert, empathisiert und nicht zuletzt auch zur (finanziellen) Hilfe bewegt, zeigt sie doch auch immer wieder, dass der Mensch das einzige Tier ist, welches Sensationslust empfindet. Wie sonst könnte man es sich erklären, dass die BILD seit Tagen doppelseitige Aufmacher entwirft.

Gerade Haiti, vielerorts als gescheiterter Staat diskutiert, könnte aber ein wenig mehr Respekt verdienen. Seit Jahren hungern dort verarmte Menschen, ohne dass die westliche Welt sich dafür besonders interessiert hätte. Jetzt, im Katastrophenfall, gibt es kein Halten mehr: “Jeder möchte helfen, keiner sieht mehr weg.” — wenn doch nur. Obwohl die Bundesregierung ihre Hilfe mittlerweile auf 7,5 Millionen Eur erhöht hat, fing auch dieses Desaster mit einem anderen Desaster an: Deutschland, heldenhaft wie eh und je, stellte am Tag nach dem Beben eine Soforthilfe von 1,5 Millionen Euro zur Verfügung.

1,5 Millionen Euro, das ist ja schon eine Menge Holz. Jedoch befinden wir uns gerade in einer eigenen Krise und es stellt sich die Frage, wer denn heute überhaupt in solch kleinen Zahlen denkt. Letztes Beispiel: Hypo Group Alpe Adria, 3 Milliarden “an einem Tag”. Haiti bekam von dieser Summe zunächst 1/2000. Ein Zweitausendstel. Brad Pitt und Angelina Jolie spendeten ebenfalls früh und großzügig, gemeinsam eine Million US$, quasi eine fast mit Deutschland vergleichbare Summe. Wie ich mich für mein Land schämen kann, ich hätte es nie gedacht.

Katastrophenjournalismus auch in diesem Blog. Welche Rolle spielt eigentlich Amerika? Lässt sich doch herausfinden mit einem Klick auf…
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Suizidjournalismus

November 11, 2009 · Posted in think-strange.de · 11 Comments 

Wer seit dem gestrigen Abend TV geschaut hat, dem dürfte nicht entgangen sein, dass unser Nationaltorwart Robert Enke seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Damit ist die Nachricht -für mich- erledigt, mehr möchte ich eigentlich nicht wissen. Gestern noch den meisten Deutschen unbekannt ist Enke heute ein Medienheld und damit einher geht unsäglich schlechter Journalismus. Beginnen möchte ich daher mit Ziffer 8 des Pressekodex’.

Richtlinie 8.5 – Selbsttötung
Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Eine Ausnahme ist beispielsweise dann zu rechtfertigen, wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt.

Ja, er mag eine Person öffentlichen Interesses gewesen sein, doch nicht in dem Maße, wie es die Medien im Moment suggerieren. Dass der privatisierte Boulevardjournalismus dies nicht respektiert, ist verständlich; dass es im von GEZ-finanzierten TV breitgetreten wird, ist eine Schande. In den Nachrichten, in Sondersendungen: Regionalzug, Rettungsdienst, zutiefst schockiert. Interessieren wir uns wirklich dafür? Muss jedes kleinste Detail eines Menschen nach seinem Tod analysiert und visualisiert werden? Gibt es nicht Themen, über die man auch einmal nicht berichten muss? Es existieren gar historisch Gründe gegen die Berichterstattung von Selbsttötungen; muss man Fehler mehrfach begehen?

Was rege ich mich auf. Die Fragen, die der Durchschnittsreporter im TV stellt, lassen Schlimmes erahnen. “Wie ist denn die Stimmung bei der Nationalelf?” — die werden wohl feiern. Endlich isser tot, der Lump. “Kann man sagen, dass seine Maskerade nun ein Ende gefunden hat?” — bittewie? “Hätte man es nicht vielleicht doch verhindern können?” — anscheinend nicht. Leute, hört ihr euch selbst eigentlich zu? Oder: Ist das euer Ernst?

Ich möchte nicht weiter darüber sprechen, belassen wir’s dabei. Es ist ohnehin immer dasselbe, es geht nur um den Tod. Ob ermordet wie Rudolf Mooshammer, gescheitert wie Michael Jackson oder tragisch wie im Fall Enkes, man muss es in die Öffentlichkeit ziehen. Geld kennt keine Moral. Vielleicht sollte es.

Wikipedia: Quelle endlosen Wissens?

October 20, 2009 · Posted in think-strange.de · 1 Comment 

Ich erinnere mich noch daran, als ich das erste Mal über die Wikipedia stolperte, 2001, 2 oder 3. Das Konzept von Wikis war mir gänzlich neu, ich verstand die Seite kaum, drückte aber instinktiv auf “Editieren”, zerstörte eine vorhandene Seite mit Kauderwelsch, speicherte es, erschrak darüber und zog von dannen. 2004 registrierte ich mich und widmete einen großen Teil meiner Freizeit dem Projekt, welches damals noch sehr idealistisch und ambitioniert war. “Das Wissen der Welt auf einer Seite, woah!”, so dachte ich’s mir damals.

Heute hat sich doch einiges verändert, wenn auch nicht alles: Ich nutze Wikipedia auch weiterhin als Wissensquelle zu fast jedem Lemma, doch immer häufiger die englische Version. Ich führe das nicht nur auf meine verbesserten Englischkenntnisse zurück, sondern auch darauf, dass die deutsche Wikipedia immer mehr zu einem -freundlich ausgedrückt- elitären Kreis zu verkommen scheint. Schon zu meiner Anfangszeit gab’s Streitigkeiten zwischen Admins, welche ich schon damals nicht nachvollziehen konnte. Heute ist die Wikipedia weitestgehend unter dem Deckmantel einer direkten Demokratie bürokratisiert. Es gibt Löschdiskussionen, Abstimmungen, Meinungsbilder und manchmal sogar noch, versteckt, Humor.

Doch nicht immer. Das jüngste Beispiel, welches zur Zeit -nicht nur – in der Blogosphäre Wellen schlägt, ist die Löschung des Artikels zu “Mogis“, Missbrauchsopfer gegen Internetsperren. Ich gebe zu, dass der Verein vielleicht nicht die letztmögliche Institution ist, die man in der Internetzensurdebatte zu Rate ziehen sollte; den Artikel dazu aus der deutschen Wikipedia aus “Relevanzkriterien” zu löschen schlägt dem Fass dennoch den Boden aus. Ich rege mich nicht alleine drüber auf, auch wenn der Artikel meiner Meinung nach nicht den Wirbel verdient hat, den er nun bekommt. Das Problem ist aber mitunter diese Löschpraxis: In meiner muttersprachlichen Wikipedia gibt’s keine Einzelartikel zu fiktionalen Personen oder Orten, keine Informationen zu “irrelevanten” Themen. Doch – wer bestimmt, was irrelevant ist und was nicht?

Mir fällt grade keine tolle Überleitung ein, aber lies doch einfach den Beitrag weiter und ignorier diese Zeile.
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Die Zukunft des Journalismus

October 2, 2009 · Posted in think-strange.de · Comment 

Hab’s grade schon getwittert, ist aber so sehenswert, dass ich’s hier noch einmal separat niederschreiben will: Es gibt nen neuen elektrischen Reporter. Thema: “Zukunft des Journalismus: wer soll das bezahlen?”

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