BILD gegen Rot-Rot im Saarland

Seit über 14 Tagen befindet sich in der Saarland-Version der BILD auf Seite 2 eine halbseitige Werbekampagne, die den unglaublich originellen Titel “Ich lasse mich nicht linken” trägt. Der Inhalt, der dem Attribut “überparteilich” jeglichen Sinn nimmt, beschäftigt sich in erster Linie nur damit, weder SPD noch der Linken seine Stimme bei der hiesigen Wahl am Sonntag zu geben. Nun bin ich schon seit jeher ein Freund plumper Werbung, sodass ich nicht umhin komme, die bisherigen Anzeigen einmal aufzuarbeiten und einen Spritzer Senf draufzutun. Vorwissen: Im Saarland ist seit 10 Jahren die CDU die Regierungspartei.

Ich weiß, es ist vielleicht der falsche Weg, sich der Polemik der BILD überhaupt zu widmen, “verlorene Liebesmüh”, oder wie man’s nennen möchte. Es kommentarlos hinzunehmen ist allerdings ebenfalls sicher nicht die Lösung.

These #1:Mit Rot-Rot gibt es an der Saar keinen Fortschritt.”
Analyse: Unter der CDU-Regierung wurden im Saarland Studiengebühren eingeführt, unzählige Schulen geschlossen. Dazu stagnieren die Bildungsausgaben im Saarland seit fast 6 Jahren auf einem sehr niedrigen Niveau. (Quelle)

These #2:Das Saarland, spitze im Wachstum! Das muss so bleiben, Punkt.”
Analyse: Ist wohl nicht ganz falsch, je nach Quelle, allerdings bezweifle ich, dass Rot-Rot das Saarland zurück ins Mittelalter stürzen möchte. Der Zusatz, inklusive dem “Punkt.” deutet für mich in die Richtung, dass die Wahl einer anderen Partei als der CDU zwangsweise das Wachstum verhindert – eine gewagte Aussage in einer Demokratie.

These #3:Bei Rot-Rot gehen die Lichter aus…
Analyse: Ehm, ist das der eben angesprochene Schritt ins Mittelalter? Will die SPD / die Linke das Saarland vom Stromnetz bringen? Warum weiß ich davon nichts? So viele Fragen…


These #4:Wir liegen bei Ausbildungsplätzen und Jobs ganz vorn. – Cool!
Analyse: Wir liegen in der Tat nicht ganz hinten, allerdings traf die Krise das Saarland durch Automobil- und Stahlindustrie enorm. Aktuell sieht’s gar nicht so gut aus, will ich meinen. Verschwiegen wird auch, dass die Zahl der Studierenden im Saarland rückläufig ist, auch wenn sie nur mäßig in den Vergleich passt.

These #5:Hey, die Rezepte von den Linken sind doch von gestern. Ich will die für morgen!
Analyse: Zunächst einmal: “Von den Linken” sollte richtig vielleicht “der Linken” heißen, es sei denn, man möchte die Anhänger ebenjener Partei diffamieren. Da ich nichts Böses unterstellen möchte, gehe ich einfach von einer Grammatikschwäche aus, die zu beigestelltem “Punker” passen soll. Dann bliebe noch die inhaltliche Frage, welche Lösungen denn eigentlich “gestrig” sind. Der Vorwurf ist ja nicht gerade originell, aber leider vermittelt er auch inhaltlich nicht wirklich eine Auseinandersetzung mit den Konzepten der Oppositionsparteien.

These #6:Bloß keine hessischen Verhältnisse!
Analyse: Es ist mir nicht klar, was man mir damit mitteilen möchte. Geht’s um Frau Ypsilanti? Nein, die wollen wir hier wohl auch nicht, aber die will ja auch nicht ins Saarland. Oder bezieht es sich darauf, dass in Hessen zur Zeit CDU/FDP regiert? Ja, dann stimme ich zu, das möchte ich wirklich nicht.

These #7:Ich habe keinen Bock auf Einheitsschule.
Analyse: Mittlerweile hat sogar die Saar-CDU eingesehen, dass man bei G8 nachbessern muss – das nur Vorweg. Die “Einheitsschule” ist glaube ich keine Forderung der roten Parteien, da geht’s nur um die Abschaffung der Studiengebühren und die Rückkehr zum “Bildunssystem vor G8″. Wenn mit “Einheitsschulen” Gesamtschulen gemeint sein sollten, dann verstehe ich die Aufregung nicht: Gesamtschulen sind seit Jahren in vielen Bundesländern etabliert. Die Debatte über Vor- und Nachteile lässt sich sicher nicht von einer einzigen Landesregierung lösen, geschweige denn von einer Werbekampagne.

These #8:Wer wird bei Rot-Rot an der Saar noch investieren?
Analyse: Öhm, “die, die’s auch jetzt tun?” Mir fiele spontan kein Unternehmen ein, welches seinen Standort ausschließlich von der Farbe der Regierung abhängig macht.

These #9:Das Wahlprogramm der Linken? Unbezahlbar! Ab damit in die Tonne.
Analyse: Der zweite Vorwurf, den man der Linken immer wieder macht und ebenfalls einer der Punkte, die für mich nicht nachvollziehbar sind. Ich erinnere dabei gerne daran, dass die Linke einst (während des Aufschwungs) eine Forderung über 10 Mio Eur hatte, welche von der Regierung als “unbezahlbar” abgetan wurde. Gestern erst las man wieder, die HRE sei mittlerweile ohne Wert, benötige aber weitere 8 Milliarden. Ich habe keine Zweifel, dass dieses Geld zur Verfügung gestellt wird und somit das Argument (wiedereinmal) inhaltslos wird.

These #10:Meine Enkel sollen einen sicheren Arbeitsplatz haben.
Analyse: “Dann wähl die Linke, im Sozialismus hatte jeder Arbeit!” – Spaß bei Seite, auch hier verstehe ich die Grundaussage nicht, denn ich bezweifle, dass die Linke möglichst viele Arbeitsplätze vernichten möchte. Ich frage mich dann immer, warum sie das tun sollte und finde leider nie eine auch nur halbwegs anständige Begründung dafür.

These #11:SED, PDS, jetzt Linke – alles Etikettenschwindel!
Analyse: NSDAP, CSU, CDU… nein, auf dieses Niveau wollte ich nicht runter. Bemerkenswert ist, dass damit jede mögliche Weiterentwicklung ausgeschlossen ist, die Linke wird mit der SED auf eine Stufe gestellt. Nur eine kleine Sache: Die DDR ist seit 20 Jahren nonexistent und niemand -niemand- wünscht sich deren Staatsform zurück, auch keine roten Socken. Verdammt… wie kommt man überhaupt auf sowas?

These #12:Sauber, dass Lafontaine 400 Polizeistellen abgebaut hat.
Analyse: In den 10 Jahren der Peter-Müller-CDU-Regierung hätten jene 400 Stellen ohne Zweifel neu besetzt werden können. Wurden sie aber nicht. Ich vermute, die These sagt mehr über die aktuelle Regierung aus als über die Linke / die SPD und ihre Politik.

These #13 :Nee, der schmeißt doch wieder hin. -Prost
Analyse: Nein, ich lasse mich jetzt nicht wieder zu einem Vergleich mit Herrn Glos hinreißen. Um genau zu sein: Oskar Lafontaine ist der einzige Politiker, der seinen Posten abgab und dafür Jahre später noch gerügt wird. Und glaubt ja nicht, es hätte seitdem keine Hinschmeißer gegeben. Weiterhin finde ich das Motiv eines Obdachlosen mit dem Schlusswort “Prost” ziemlich diskriminierend und keineswegs lustig.

These #14:Die Linke? Ich sehe nichts. – Erst recht keine Lösungen.
Analyse: “Der Herr Glos hat für die Wirtschaftskrise sicher bessere Lösungen” – Es tut mir Leid, aber ich musste den jetzt bringen. Tatsache ist, dass ich auch hier nicht verstehe, wie man solche Aussagen treffen kann, Lösungsvorschläge hat die Linke in den Bundestag mehr als einmal eingebracht und die etablierten Parteien greifen sogar eifrig darauf zurück. Hier das Motiv der Wahrsagerin… ja, an solch einen Humbug glaubt auch nur die CDU.

These #15: “Kommt erst morgen”
Analyse: “Kommt erst morgen”

Das Video, in dem alle abstrusen Thesen noch einmal auf saarländisch runtergespult werden, spare ich mir. Will eh keiner sehen, solch billige Propaganda.

Fazit: Wahnsinn, diese Kampagne. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass die aktuelle Regierungspartei insbesondere vor der Linken und einem möglichen Einfluss nach der Wahl Angst hat. Ich meine, so wie die mit Dreck werfen? Dabei weiß ich nicht einmal, wer der Initiator der Kampagne ist, ob Springerpresse oder CDU. Fakt ist jedoch, dass trotz aller Schlammschlachten die Linke meist sachlich bleibt und sich nicht auf ein solch niedriges Niveau begibt. Ist ja auch klar, denn wie sagt schon der Volksmund:

Argumentiere nicht mit Idioten. Sie ziehen dich auf ihr Niveau hinunter und schlagen dich dann mit Erfahrung.

Nachtrag 16:30: Es ist mir bisher nicht gelungen, den Initiator der Kampagne ausfindig zu machen. Auf der eigentlichen Seite gibt’s zumindest kein Impressum und keinen Kontakt, eine Sache, die ich sonst nur von unseriösen Seiten kenne. Ist sicher kein gutes Zeichen.

Huch, doch, die Seite hat ein Impressum und alles, allerdings sind die Links auf meinem Monitor nicht sehr deutlich zu sehen; eine Entschuldigung hierfür gibt’s trotzdem. Und es ist doch wenig überraschend: Der Gründer, Erfinder, Initiator, Wasauchimmer der Kampagne ist ein Günther Klein aus Püttlingen. Ja, der Günther Klein aus der CDU. Also doch, wie erahnt, eine weitere Schmutzkampagne. Von solchen Menschen möchte ich mich unbedingt regieren lassen, wisst ihr?

Kommentare

  1. Also ich finde das Video super. Vor allem die Sprecherin im Off liest den Text ja eigentlich nur vor. Die Fleischereifachverkäuferin ist da schon besser. Schön sind auch immer die Zwischeneinblendungen vom Wurstschneiden zwischen den “Thesen”. Das ist wirklich 1a Trash.

    Übrigens mein Beweggrund gegen die Linken ist der Bergbau. Ich kann da eine Fortführung im Saarland nicht befürworten und wollte hier in dem Haus noch etwas wohnen. Ist ein tolles Thema mit der RAG. Ist das Erdbeben 2008 bis zu dir vorgedrungen? Also gefühlt …

    Regards

  2. BILD halt, was erwartet man?
    Ich freu mich nur auf den Tag, an dem der Stoff legal wird, den die kiffen…

  3. aSak schrieb:
    Agumentiere nicht mit Idioten. Sie ziehen dich auf ihr Niveau hinunter und schlagen dich dann mit Erfahrung.

    Der is super, den muss ich mir unbedingt merken XD

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