Fünf Seiten Menschenwürde.

bild_cover_120320091

Aus dem Pressekodex:

Richtlinie 11.1 – Unangemessene Darstellung
Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. (…) Bei der Platzierung bildlicher Darstellungen von Gewalttaten und Unglücksfällen auf Titelseiten beachtet die Presse die möglichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche.

Richtlinie 11.2 – Berichterstattung über Gewalttaten
Bei der Berichterstattung über Gewalttaten (…) wägt die Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Sie berichtet über diese Vorgänge unabhängig und authentisch, lässt sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen. (…)

Richtlinie 11.3 – Unglücksfälle und Katastrophen
Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden.

zomfg! Und die anderen 4 Seiten?

Keine Zeitung in ganz Deutschland versteht es so gut, Nachrichten zu inszenieren, wie die BILD das regelmäßig und häufig unangebracht, tut. Eigentlich wusste ich ja auch gestern schon, was heute die Titelstory sein würde; dass ich allerdings fünf Seiten vorfinden würde, krude Fotomontagen und noch mehr Gefasel als sonst – damit konnte ich nicht rechnen. Hier meine Gedanken zu deren Inhalt.

Titelblatt:Woa, Amoklauf! Echt jetz?” Es ist von 15 Opfern die Rede und BILD stellt gar die Frage, “warum er gezielt so viele Mädchen tötete”. Hervorragender Journalismus. Dabei ist die Titelseite noch das Harmloseste – wir blättern um.

Seite 2 und Seite 3:Seid ihr immer noch nicht tot?” lautet die ungemein pietätvolle Überschrift über beide Seiten, direkt gefolgt von einer Fotomontage des Mörders in seinem viel zitierten schwarzen Kampfanzug. Er richtet eine Waffe auf den Leser. und ich stelle mir die Frage: “Was soll es mir sagen?”

Soll damit die Brutalität der Tat noch weiter unterstrichen werden? Reichen die Toten als Mahnung nicht aus? Oder muss sich der Leser den Amokschützen wirklich so vorstellen? Also im Sinne von “muss das wirklich sein” und nicht “war es wirklich so”. Alleine diese Montage zeigt mir doch, mit welchem Kalkül sich Reporter auf solche Stories stürzen können, wie Redaktionen auf Hochtouren laufen, während der Chef-Red noch brüllt “Leute, ich brauche jetzt wirklich dringend eine besonders furchteinflößende Montage des Täters!” In mir steigt Ekel auf.

Ein Kommentar wird geschrieben, der darauf abzielt, dass Eltern doch mehr mit ihren Kindern reden müssen. Klar, wenn ich Phantasien habe, die Menschheit auszurotten, dann werde ich mit meinen Eltern darüber sprechen. Bestimmt. Und mit der Bundeskanzlerin, die natürlich auch zu Wort kommt und ihr tiefstes Mitgefühl ausdrückt. Frau Merkel, ganz unter uns: Sie können nix. Sie können keine Politik machen, Sie können Deutschland nicht aus irgendwelchen Krisen führen (ob Wirtschaft oder Umwelt) und Sie wissen auch nicht, was Diskretion bedeutet. Anteilnahme – ja gerne. Aber Phrasen wie “Es ist ein Tag der Trauer für ganz Deutschland”, verzeihen Sie mir, da muss ich doch brechen. Ja, es ist ein Tag der Trauer und ja es ist eine Katastrophe! Aber weder Sie, Frau Kanzlerin, noch Frau von der Leyen, noch sonst jemand auf dem hohen Regierungsross kann auch nur annähernd nachempfinden, was die Betroffenen empfinden. Niemand kann das und ich vermute ganz stark, dass das auch niemand möchte.

Vielleicht bin ich unangemessen zynisch, vielleicht ist mein Humor zu schwarz und meine Misanthropie zu groß, aber ich besitze wenigstens den Anstand, kein Heuchler zu sein.

Ansonsten liest man jedes schmutzige Detail, jeder Tote wird mehrfach erwähnt, der Fluchtweg -wie ich es ahnte!- mit Google Maps illustriert. Leichen, Tatorte, Schilderungen und noch viel mehr Details, als ich mir eigentlich auszumalen wagte. Und das alles nur auf den Seiten 2 und 3.

Die Seiten 4 und 5 hingegen sind – natürlich nicht besser! De facto wird’s sogar noch ein bisschen abstoßender und wenn man es als Leser geschafft hat, drei Seiten zu überstehen, dann kommt einem doch gleich wieder die Galle hoch, wenn man auf Seite 4 eine weitere Montage sieht: Der Amokläufer in seinem Anzug mit einer Waffe in einem Klassenzimmer, wie er gerade auf eine weibliche Person schießt.

Ich denke fast, dass eine solche Montage mehr über die BILD aussagt, als jeder Medienkritiker und -philosoph oder gar Herr Wallraff das je herausfinden könnte. Wie verdreht müssen die Hirne der Redakteure und Grafiker sein, wenn man am Ende des Tages solche Aufmacher anschaut und sich am Besten noch selbst die Bestätigung gibt, dass diese Reportagen nötig, wichtig und gut wären. “Die Würde des Menschen ist unantastbar”, aber bei BILD verlieren Menschen recht schnell diesen Status – egal, ob Opfer oder Täter. Und darüber dürfen sich dann auch Psychologen noch auskotzen, mit noch mehr hohlen Phrasen wie: “Die Täter wollen alles steuern und bestimmen.” – Bitte einmal einen Nobelpreis für Captain Obvious.

“Opfer” ist auch das Stichwort zu Seite 5: Private Aufnahmen der Ermordeten und Spekulationen darüber, warum sein Hass auf die Frauenwelt so groß war. Gut, ich denke es gibt viele Gründe, warum man Frauen verteufelt, aber muss man in einem solchen Zusammenhang jenes Thema so breit treten? Verdammt, sind die Betroffenen und Angehörigen nicht schon genug gestraft!

Dazu folgt abschließend ein Bericht über einen Amoklauf in den USA und eine kleiner Kasten zum Thema Sicherheit an Schulen. Ja, doch, ich bin auch absolut dafür dass wir in Zukunft schon an jeder Grundschule privates Wachpersonal einsetzen. Bekämpft schließlich auch die rezessionsbedingte Arbeitslosigkeit, nicht wahr?

“Himmel, hilf mir.” – ich lege dieses Stück Schund nun zur Seite und möchte mich entschuldigen. Dafür, dass auch ich pietätlos bin, dafür, dass ich nicht die Anteilnahme zeige, wie ich sie vielleicht als empfindendes Wesen zeigen sollte. Ebenso dafür, viel zu schwarzen Humor und Bösärtigkeit zu besitzen und beides hier reißerisch zur Schau zu stellen. Und doch – egal was ich hier veröffentliche, ich bin niemals so von Grund auf schlecht, böse und anstandlos wie die BILD und die Verantwortlichen für diese Story.

Denn genau das ist es, was es zu kritisieren gilt. Ich wage es nicht, die Online-Ausgabe des Schmierblattes auch nur anzusehen und frage mich, was dramatischer ist: die Tat an sich oder die Berichterstattung darüber. Eine Beschwerde beim Presserat wird daher wohl unabwendbar sein.

Wer ehrlich seinem Mitgefühl Ausdruck verleihen möchte, dem sei hier die Gelegenheit zu einer ganz persönlichen Schweigeminute gegeben. Ohne Medien-Echo.

Kommentar schreiben

Die E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt. Felder mit * müssen ausgefüllt werden.

*

*